24.12.1999
Tages-Anzeiger Zürich
Seite 41
Kanalarbeiter

Der Sport kann der Welt nicht Vorbild sein

Sie kenne nur Menschen, keine Gesellschaft und schon gar keine Gemeinschaft, soll die einzige Regierungschefin Grossbritanniens im 20. Jahrhundert, Lady Thatcher, einmal gesagt haben. Übertragen auf den Fussball, würde die Thatcher-Doktrin bedeuten: Ein Trainer kennt nur Spieler, aber kein Team.

«Elf Freunde müsst ihr sein», lautete dagegen der Titel eines kleinen Berliner Fussballmärchens des deutschen Sportjournalisten Sammy Drechsler, das in den 60er-Jahren zur Bibel von Hunderttausenden von deutschsprachigen Jungen und gewiss auch einigen Mädchen geworden ist.

Seine Botschaft: Wenn ihr nicht nur an euch selber denkt, sondern auch an die anderen, wenn ihr nicht nur für euer Glück kämpft, sondern für dasjenige aller, dann schafft ihr es. Oder noch etwas fussball-pathetischer: Eine Equipe kann dann über sich hinauswachsen, wenn jeder für den anderen rennt, ackert und denkt; dann klappen 'die Automatismen', der 'blinde Doppelpass', die Ballstafetten über unzählige Stationen mit dem geglückten Abschluss.

Weniger fussball-idealistisch und mit mehr mathematisch logischer Strenge ausgedrückt: Eine Gruppe vermag dann ihre Potenziale auszuschöpfen, wenn sie mehr ist als die Summe der Einzelnen. Ob diese Gruppe nun im Sport agiert oder in der Politik, beispielsweise als Partei, in einem Parlament, beispielsweise als Fraktion, in der Wirtschaft, als Unternehmung, im Theater als Schauspielgruppe oder in der Musik als Orchester - ich denke, diese Regel stimmt immer: Die Gruppe schafft dann Spitzenleistungen, wenn die Einzelnen so gut miteinander kooperieren, dass sie mehr können, als die Addition aller Einzelleistungen zusammen ergeben würde.

Solche echten Teams sind im Übrigen keine Gleichmacher. Wir alle wissen, dass es überall Genies gibt, Künstler, Solisten, einzigartige Könner, die einer gemeinsamen Performance das Glanzlicht aufsetzen können: Diejenigen mit dem goldenen Füsschen, die den genialen letzten Pass spielen können; jene mit den himmlischen Einfällen oder jene, die sensibel, kompetent und motiviert zugleich andere begeistern, mitreissen und über sich hinauswachsen lassen können. Eine gute Gruppe benötigt diese Genies ebenso, wie sie sie ermöglicht, ohne dass deswegen ein anderer zu kurz kommt.

Doch wie sehen derzeit die realen Wirklichkeiten aus bei uns und um uns herum? Im Sport, selbst im Mannschaftssport, werden die meisten verlacht, die Sammy Drechsler ernst nehmen. Als weltfremde Idealisten werden sie beiseite geschoben. Geld regiere, heisst es dann. Nicht nur im Sport. Auch in der Politik, in der Wirtschaft, sogar in der Kunst. Die Konkurrenz geht vor. Rücksichtslosigkeit zählt, Brutalität wird fast noch bewundert; jedenfalls, so scheint es, eher belohnt als Sanftmut, Einfühlungsvermögen oder gar Solidarität. Der Thatcherismus herrscht eher als das Leitmotiv Sammy Drechslers.

Wollte unser neuer Bundespräsident Dölf Ogi dies korrigieren, als er, seit dem 15. Dezember getragen von der Wolke sieben seiner triumphalen Wiederwahl, Anfang dieser Woche die Schweiz aufforderte, nicht nur eine sportliche Nation zu sein, sondern eine Sportnation zu werden? Ogis Reformslogan vom letzten Montag, «Miteinander statt gegeneinander», mag wie sein neues sicherheitspolitisches Credo «Gemeinsam statt einsam» oder der «Sportsgeist», den er in der Schweiz vermisste, ermutigen und in die richtige Richtung zielen: Sie benennen durchaus zentrale Aspekte der thatcheristischen Mechanik und der sozialen Kälte, die sie bewirkt.

Doch ein richtiges Leben wäre eben mehr als ein sportgemässes Leben. Funktionierte die grosse Welt wie die kleine auf dem Sportplatz - sie wäre noch nicht viel besser. Da möchte ich nicht nur Dölf Ogi, sondern auch meinem Kollegen Kanalarbeiter aus Luzern widersprechen. Die Welt und der Sport würden beide erst besser, wenn sie sich an einem anderen Dritten orientieren würden. An dem, was man früher einmal als zivilisatorische Errungenschaften bezeichnet hat, an dem, was Theologen heute als Weltethos benennen oder der gute alte Kant als kategorischen Imperativ: An Handlungsweisen und Einstellungen, die, wenn sie jeder und jede erbringen könnte, allen maximale Lebenschancen ermöglichten, ohne die Lebenschancen eines jeden zu beeinträchtigen.

Ganz selten scheinen selbst im Sport solche möglichen Zukünfte auf. Im vergangenen Jahr schaffte dies beispielsweise Arsenal-Coach Arsène Wenger, der Elsässer. Doch solange solche genialen Momente noch Raritäten sind, kann sich auch ein Dölf Ogi nicht am Sport orientieren, wenn er nach Wegen sucht zu einer besseren Schweiz, die allen gemeinsam mehr ermöglichen könnte, als jeder allein schaffen kann.

Andreas Gross

 

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