11.06.1998
Tages-Anzeiger Zürich
Seite 46
Einwurf

Sport: Der Fussball und die Politik

Die Mittwochnachmittage waren schulfrei. Ich fuhr mit dem Velo den Berg hinauf zu meinem Grossvater. Zuerst mähte ich den Rasen. Dann setzten wir uns auf die Terrasse und diskutierten über Fussball und Politik. Beim FCB waren wir uns meist einig, in der für uns grundlegenderen Politik lernte ich mit ihm, dass eine gute, kontroverse Diskussion nichts mit Rechthaben und Anödereien zu tun hat.

Gestern Nachmittag war im Bundeshaus nicht frei. Die Diskussionen glichen nicht den Gesprächen mit Grossvater. Die Journalisten fragten mehr nach meinem WM-Favoriten als nach dem Engagement für die Uno, eine zukunftsträchtige Bundesverfassung und gegen die Asylverhinderungspolitik. Ausserhalb des Parlaments gilt das knappste Gut unserer Welt - die Aufmerksamkeit - längst mehr dem Ball als dem gemeinsamen Wohl.

Als Demokrat muss man auf den Fussball fast neidisch werden: Der Fussball ist längst global, die Demokratie erst national und deswegen schwächlich. Die Fussball-Öffentlichkeit kennt keine Grenzen; die Grenzen der Demokratie sind eng, und die europäische Öffentlichkeit gibt es bloss sporadisch. Im Weltfussballverband war die Schweiz 1904 ein Gründungsmitglied, in der Uno und der EU ist sie bestenfalls eine Nachzüglerin. Im Fussball identifizieren sich viele Schweizer mit den grössten Künstlern der Welt, in der Politik scheinen sie zu oft weder der Kunst noch der Welt zu trauen.

Fussball als die (verkehrte?) Welt? Die Welt als Spielball der demokratisch nicht legitimierten Macht? Nein: Miteinander spielen ist bloss einfacher als miteinander verhindern, dass auch nur eine oder einer verliert.

Andi Gross (46) ist Politwissenschafter und linker Flügel des FC Nationalrats.

Andreas Gross

 

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