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13.11.1998
Tages-Anzeiger Zürich Seite 53 Kanalarbeiter
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Sport: «Es ist nur Fussball ...»
Er schien irgendwie einsam zu sein. Obwohl 14'000 weitere Fans im Stadion sassen. Unter ihnen über 1000 schottische Landsleute, die für das gleiche Celtic fieberten, mehr als 100 Kilometer von Glasgow entfernt. Es schien ihn zu frieren. Doch nicht der Kälte oder des unendlichen Regens wegen. Obwohl sie rund um ihn herum sangen und johlten, schien er eher ein Leiser zu sein. Aber still sitzen konnte er nicht. Immer wieder sprang er auf, rannte an den Zaun, brüllte aufs weit entfernte Fussballfeld hinaus. Laut und unverständlich.
Dann setzte er sich wieder hin, ganz für sich allein. Er war sehr präsent. Und doch seltsam entrückt, weit weg von uns, bei seinem Spiel, das ein anderes zu sein schien als dasjenige, dem wir alle zusahen. Spielte der FCZ, vergrub er seinen Kopf zwischen seinen Schultern; er wagte kaum hinauszuschauen. Vermochten die Celtic-Spieler den Ball in den Zürcher Strafraum zu spielen, dann richtete er sich auf, sein Hals war plötzlich ganz lang, die Augen weit aufgerissen, mit dem Oberkörper wiegte er hin und her, als vermöchte er den Ball selber ins Tor zu schaukeln.
Strich der Ball am Zürcher Tor vorbei, war er wieder nicht zu halten. Das F-Wort (auf deutsch Sch...) sprudelte nur so aus ihm heraus. Dabei ruderte er mit den Armen, schüttelte den Kopf, sagte wieder etwas Unverständliches. Gelang dem FCZ ein Tor, war er den Tränen nahe. Vermochte Celtic zu skoren, war er ebenfalls nicht zu halten. Dann wandte er sich seinen Landsleuten zu, umarmte sie, sprang wieder an den Zaun, brüllte wieder etwas, diesmal Ermutigendes, in die Nacht hinaus. Hören konnte es niemand. Und verstehen auch nicht. Doch er musste es allen gesagt haben.
GGewiss war er über 30 Jahre alt. Doch irgendwie ein grosser Junge. Ausserhalb des Stadions sicher ganz unauffällig. Erst am Rande des Fussballfeldes war er mitten in seinem Leben. Und doch lachte er während des ganzen Spiels nie. Nicht weil Celtic verlor. Er hätte auch nicht gelacht, wenn sie gewonnen und alle anderen um ihn herum sich gefreut hätten. Geschmunzelt haben nur all die Zürcherinnen und Zürcher, die mit ihm auf der Tribüne sassen und ihm mindestens soviel Beachtung schenkten wie dem Spiel.
Ich weiss nicht, ob er Joe hiess. Doch im Film 'My Name Is Joe' des schottischen Altmeisters Ken Loach musste ich wieder an ihn denken. Er war für mich der komischste Zuschauer dieses Jahres. Der Film ist für die NZZ-Kritikerin Pia Horlacher «die komischste Fussballgeschichte, die das Kino in diesem Jahr zu bieten hatte». Und es gelang ihr einer der schönsten Sätze, den es wohl dieses Jahr in einer Filmkritik zu lesen gab. Sie schrieb über den Film aus dem Norden Glasgows: « In 'My Name Is Joe' kulminiert die Kunst von Ken Loach, das hoffnungslos Utopische hoffnungsfroh am Abgrund der Verzweiflung anzusiedeln, in einer Tragikomödie von echter Meisterschaft.»
Eine Hommage an den Fussball, gewiss. Obwohl von Fussball ganz wenig zu sehen ist. So wenig wie es Licht gibt im Leben der Menschen im Norden von Glasgow. Dort, wo mehr Menschen von der Fürsorge leben müssen als von ihrer Arbeit. Dort, wo die Pubs voller sind als die Fabriken. Dort, wo es mehr Grau gibt als Grün. Dort, wo die Fussballer ihre Leibchen stibitzen müssen. Dort, wo die Vorfreude auf das Spiel viel länger dauert als das Spiel selbst. Dort ist der Fussball das Sinnbild für das andere Leben, für das andere im Leben. Für das seltene Spiel in einem Alltag voller Gewalt, Drogen und Elend - ohne Zukunft, Sicherheit und Alternativen.
Joe hat das Schlimmste hinter sich. Jetzt wehrt er sich, kämpft - für sich und andere. Er trainiert sein Team. Was Regisseur Ken Loach über ihn sagt, stimmt auch für viele unter uns: «In seinem Kopf ist er ein grosser Taktiker und meisterhafter Trainer. Aber unglücklicherweise sind seine Begabung und die Talente seiner Spieler geringer.»
Joe gibt dem Fussball und den Spielern alles. Und bekommt mehr als Siege, Punkte oder Tore. Er bekommt am Samstag, was er unter der Woche so vermisst: Solidarität und gegenseitige Unterstützung. Für Ken Loach kann eine Fussballmannschaft dafür eine Metapher sein. Joe: «Es ist nur Fussball, aber das ist uns wichtig.» Doch weshalb kann ihm nur Celtic bieten, wonach er sich sehnt?
Weshalb ist heute für viele nicht nur in Glasgow der Fussball alles, das Leben daneben so wenig? Weshalb ist das meiste im Dasein so falsch, das Kleinste im Leben, für die Privilegierten, die 'wichtigste Nebensache', das einzig richtige? Und weshalb können wir nicht unter der Woche mehr von dem erleben, was Joe sich am Samstagnachmittag so erhofft?
Andreas Gross
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