4. Dez. 2007

Im Andenken an Franz Krebs (1912 – 2007)

Franz Krebs war nicht nur 75 Jahre lang Mitglied der SPS, er war ein eigentliches Kind dessen, was er nie die Linke, die Arbeiterbewegung oder einfach die SP nannte, nein, er sprach, wenn er sich und uns meinte, von DR BEWEGIG. Und D BEWEGIG ist eben viel mehr als nur die Partei und die Gewerkschaften.

Franz sagte es, das hat er schliesslich auch gelernt, mit und durch die Blumen. Als er vor wenigen Jahren seinen Tisch im Altersheim beschrieb, sagte er in einem Text zu seinem 90. Geburtstag: «Drei Blumensträusse zieren ihn. In der Mitte ein grosser Strauss roter Rosen, links und rechts ein Strauss roter Nelken. Die Rosen symbolisieren den Sozialismus und stehen für eine Gesellschaft mit Gerechtigkeit und Wohlstand für alle. Die Nelken links, die Gewerkschaften, den solidarischen Zusammenschluss der Arbeiter zu einer Interessensvertretung im Arbeitsprozess. Die Nelken rechts zeigen die Genossenschaften, den Zusammenschluss zur Selbsthilfe im Alltagsleben, zum Wohnen, Essen, Arbeiten und zur Bildung.» Die Natur, die Naturfreunde, war für den Naturfreund Krebs so selbstverständlich, dass er davon gar nicht schrieb.

Die Bildung war für Franz Krebs ein elementarer Teil der Bewegig. Denn die Freischar, der er sich schon im 14. Altersjahr anschloss, die Jugendgruppe der Arbeiterjugendlichen, war vor allem auch eine Bildungsgruppe. Sie trafen sich oft, so erzählte mir Franz in einem Gespräch vor 30 Jahren für das Büchlein zum 100. Geburtstag der SP ZH 11, in der Jugendstube im Hause des berühmten religiössozialen Lehrers und Publizisten Leonhard Ragaz.

Am meisten beschäftigt hätte sie damals die Frage, «ob die Überwindung der etablierten Macht mit unserer Demokratie überhaupt möglich sei, oder ob erst eine andere Form der Demokratie geschaffen werden müsse», erzählt er mir. Und sie seien überzeugt gewesen, dass «der Feind, den sie am schärfsten hassten, der Unverstand der Massen» sei, den sie nur mit Bildung überwinden könnten.

Drei Dinge, die er damals gelernt habe, habe er, so sagte Franz mir vor 30 Jahren, sein ganzes Leben lang nicht vergessen. Drei Erkenntnisse, die so finde ich, wir als sein politisches Vermächtnis ansehen dürfen, die auch wir uns in unserer politischen Arbeit zu eigen machen dürfen: Erstens, so betonte Franz, «der Glaube an die Menschheit, dass der Mensch das Mass aller Dinge ist. Zweitens die Liebe zur Arbeit und für den Kampf für die Menschheit, und drittens die Hoffnung auf die Freiheit der Menschheit.»

Dieses Vermächtnis von Franz Krebs illustriert, dass der Sozialismus, wie ihn die Schweizer Sozialdemokraten mit ihrer Bewegig im ganzen 20. Jahrhundert anstrebten, nie etwas unterdrückendes, gar knechtisches anhaftete, sondern die Freiheit aller, über die Arbeit aller ihr Kernanliegen war. Nicht Freiheit oder Gerechtigkeit also, oder gar nur Freiheit für uns wenige, sondern Freiheit durch Gerechtigkeit, Gerechtigkeit durch die Befreiung aller.

Franz Krebs war auch biografisch ein Kind der BEWEGIG. Sein Vater war Typograph, arbeitete für die SP-Tageszeitungen in Biel und in Zürich, für die Volksstimme und das Volksrecht; seine Mutter sei ebenfalls «sehr aktiv gewesen in der sozialistischen Bewegung», wie Franz erzählte. Als Gärtnergeselle kam er nach Bern, lernte dort SP-Grössen wie Robert Grimm auch persönlich kennen, war 1930 in Zürich bei der Gründung der Gartenbaugenossenschaft selbstverständlich dabei; in der grossen Krise mangelte es ihr an Aufträgen und auch Franz war einige Zeit arbeitslos. Doch Franz konnte bald bei der Allgemeinen Bau-Genossenschaft (ABZ) als Gärtner arbeiten, 1942 wurde er unter SP-Stadtrat Ziegler Hausverwalter des Städtischen Lehrlingsheimes, 1948 bei SP-Stadtpräsident Lüchinger, dem Nachfolger von Emil Klöti, Stadthausweibel und 1955 schliesslich im Schulhaus Holderbach Abwart.

Auch daraus ersehen wir ein Kennzeichen der schweizerischen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert, von dem ich freilich nicht mehr ganz sicher bin, ob dies für uns jetzt im 21. Jahrhundert immer noch stimmt: Die Bewegig in ihrer ganzen Vielfalt war zumindest in den Städten wie Zürich gross und stark genug, um jenen, die ihr, der Bewegung, viel gaben, auch etwas zurückzugeben, die Existenzgrundlage, ohne die wir alle nur wenig geben können. Ohne Arbeit eben keine Freiheit.

Kaum Schulhausabwart in Affoltern, schloss sich Franz Krebs natürlich auch der SP 11 an, fand sich nach einer gewissen Anlaufzeit, wie er sagte, auch bei den hier dominierenden Metallarbeitern schnell zurecht, und versuchte der Bewegig auch wieder vom Besten zurückzugeben, was er von ihr bekommen hatte: Bildung und politische Orientierung. Franz Krebs war über 20 Jahre lang Präsident des Bildungsausschusses der SP 11: Im Rückblick sagte er auch dazu etwas, was heute mehr denn je aktuell ist: «Meiner Meinung nach ist die erzieherische Aufgabe für die sozialistische Bewegung etwas vom Wichtigsten. Wir müssen verhindern, dass der Mensch einfach weiter macht mit seinem Tanz um das goldene Kalb, das Reichtum und Besitz heute für die meisten bedeuten. (...) Andererseits müssen wir natürlich alle dafür kämpfen, dass beispielsweise auch der Arbeitsprozess vermenschlicht wird. Die Leute dürfen nicht mehr so erschöpft sein nach ihrem Feierabend und müssen noch fähig sein, ernsthafte Gedanken und Darstellungen aufzunehmen.»

So haben wir uns an den Bildungsabenden und Monatsversammlungen der SP 11 kennen gelernt und die unzähligen Diskussionen auch dann geschätzt und einander respektiert, wenn wir – denken Sie nur an die Jugendunruhen oder die Armee – nicht einverstanden waren miteinander. Doch wir wussten beide ganz genau, dass wir den Anderen in seinen auf den gleichen Werten beruhenden anderen Ansichten brauchten, wenn wir selber mehr verstehen und angebrachter handeln wollen. Deshalb haben wir uns immer gefreut, wenn wir uns bis in die jüngste Zeit an Veranstaltungen und Kursen des Escher-Bundes, der SP-Senioren oder der Religiös-Sozialen Bewegung getroffen haben.

Das ganze Leben in und mit der Bewegig von Franz Krebs ist deshalb für mich ein gelebtes Beispiel für die alte These von Herman Greulich, dem Pionier der schweizerischen Arbeiterbewegung, der 1925 starb, als Franz seinen Vater politisch bewusst wahrzunehmen begann, als dieser zu Hause an der Leutholdstrasse neben der alten Habsburg, der Arbeiter-Beiz, die Flugblattverteilung der Genossen organisierte. Herman Greulich hat immer betont, dass ein Intellektueller mit einem Studierten nur bedingt etwas zu tun hat: So gibt es viele Studierte, die keine Intellektuelle seien, und viele Nicht-Studierte, die gute Intellektuelle sind. Franz Krebs war so einer. Er war nie an einer Uni, hat aber sein Leben lang über die Ursachen des Unrechtes, über die politischen Gründe der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten auf dieser Welt nachgedacht. Und wie es Intellektuelle eben tun müssen, hat Franz nicht nur darüber nachgedacht, sondern auch entsprechend gehandelt. Mit anderen zusammen, in der Bewegig eben. Dafür sind wir ihm für immer dankbar.

Und wer weiss, vielleicht durfte Franz auch deswegen so alt werden und konnte ohne Leiden sterben; das könnte ja bedeuten, dass es tatsächlich so etwas wie eine höhere Gerechtigkeit gibt. Ich nehme nicht an, dass Franz so weit gegangen wäre und dies geglaubt hätte. Er würde jetzt nur leise, skeptisch lächeln.


Kontakt mit Andreas Gross



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