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01. März 2007
Aargauer Zeitung
Basellandschaftliche Zeitung
Reaktion auf diesen Artikel
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Eine politische Kurzgeschichte
Einsamkeit schafft Aggressionen, Gespräche bauen sie ab
Von Andreas Gross
(Andreas Gross ist Politikwissenschafter und Zürcher SP-Nationalrat. Derzeit
bereitet er ein Buch über das Risiko vor, die SVP weiterhin im Bundesrat
mitregieren zu lassen.)
Anonyme Telefone, böse Briefe ohne Anrede oder Unterschrift, Drohungen, die
schon mal von einem Strick mit entsprechender Gebrauchsanleitung begleitet
waren: Das gehört bei uns offenbar zum öffentlichen politischen
Argumentieren wie das Amen in die Kirche. Ich kenne es seit bald 30 Jahren.
Neu war aber, was ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal bekam: ein anonymes
SMS. Soweit man bei einem SMS, dessen Ausgangsnummer nicht bewusst
unterdrückt worden ist, überhaupt von anonym sprechen kann. Zwar enthielt
auch das SMS weder Anrede noch Gruss und einen Namen als Absender, erfüllte
also durchaus alle zur Gattung der anonymen Zusendungen gehörenden
Eigenheiten. Ton und Inhalt waren ebenfalls dem entsprechend.
Doch weil der Absender oder die Absenderin offenbar technisch nicht so
begabt ist, war die ostschweizerische Telefonnummer, von der aus die
Kurznachricht abgesendet wurde, durchaus erkennbar. Tiefenpsychologen mögen
dies vielleicht weniger als Ausdruck des Mangels an der technischen Begabung
deuten, sondern gleich auf einen mehr oder weniger bewussten,
beziehungsweise sublimierten Wunsch nach einer Antwort, ja vielleicht sogar
zu einem Gespräch, oder einer Gegen-Aggression zwecks negativer
Selbstbestätigung. Doch daran dachte ich erst viel später.
Ich benötigte erst einige Minuten, um die Short Message zu verdauen. Sie
lautete, grammatikalisch leicht korrigiert: «Ekelhaft, wie man heute auf die
SVP losgeht. Denn sie ist die beste Partei für uns gesunde Schweizer.»
Was will mir hier jemand sagen? Dass alle, welche die SVP kritisieren,
ekelhaft sind? Dass ich zu den ungesunden Schweizern gehöre? Wenn dem so
ist, warum wundert sich dann aber die Person darüber, dass die SVP
kritisiert wird von denjenigen, die nicht zu den Gesunden Schweizern
gehören, für welche die SVP gut sei?
Widersprüche, die nach Antworten suchen. Weshalb also nicht für einmal
zurückrufen und nachfragen? Ich drückte die Taste anrufen, und wartete,
nicht mehr als fünf Klingeltöne lang. Die Stimme einer älteren Frau nahm ab.
Ihr «Ja?» tönte nach St. Galler Dialekt. «Hier ist Andi Meier», sagte ich
schnell, «ich habe gehört, dass Sie die SVP schätzen.»
«Ja sicher, das ist doch eine tolle Partei», erwiderte sie rasch, «die
setzt sich wirklich für die Schweizerinnen und Schweizer ein. Ich höre denen
so gerne zu. Das habe ich heute auch einem dieser Sozialisten geschrieben,
von dem in meiner Zeitung stand, er mache ein Buch gegen die SVP, wie hiess
er doch wieder, Gross oder so?» Das konnte ich wiederum sofort bestätigen
und nachfragen: «Was haben Sie denn gegen den?» «Ach, diese Sozis sind doch
immer so aggressiv in der Arena, wenn sie sich für die Ausländer einsetzen»,
antwortete sie. Worauf ich meinte, dieser Gross sei doch aber eher ein
schriftlicher Typ, der schreibe lieber, hätte die Arena auch gar nicht gern,
der sei dort doch schon Jahre nicht mehr gewesen, da sei ich mir relativ
sicher. «So?», meinte sie, «trotzdem, der schreibt jetzt dieses Buch und
deswegen musste ich ihm das SMS senden, das mache ich oft nach diesen Arenas
mit denjenigen, die mir nicht passten in der Sendung, wenn sie sich wieder
für die Anderen einsetzen statt für uns; doch antworten tun sie natürlich
nie, das ist doch auch typisch für diese Herrschaften, nicht?»
Jetzt musste ich mich natürlich outen. «Diesmal haben sie aber geantwortet»,
sagte ich, «ich heisse nämlich nicht Meier, sondern bin der Gross, dem Sie
das SMS gesandt haben.» «Aha», antwortete sie, «ich habe mir schon gedacht,
dass etwas nicht stimmt mit Ihrem Anruf.» Sie nahm es mir dann wirklich
nicht übel, erzählte von ihrem Leben, das sie 30 Jahre lang in die
Westschweiz geführt hat, in der sie alles andere als anständig behandelt
worden sei, von ihrem Mann, der zu viel Geld für andere Frauen ausgegeben
hätte, statt für sie und ihre Kinder. Die seien aber trotzdem gut
herausgekommen. Ein Sohn sei Polizist in der Waadt.
Was Ihr dann an den SPlern in der Arena nicht passe, fragte ich, um wieder
aufs Thema zurück zu kommen. «Eben, immer diese unanständige Aggressivität,
und nie setzen sie sich für uns Schweizer Frauen ein», antwortete die
St. Gallerin. Die Schweizer Frauen seien doch schon lange nicht mehr das
Thema gewesen, wandte ich ein, und es sei eben die Form der Sendeanlage,
welche viele Teilnehmerinnen so aggressiv machten, sogar sonst ganz ruhige
Zeitgenossen. Sie liess dies gelten, daran hätte sie noch nicht gedacht,
meinte sie.
Jedenfalls kamen wir uns gesprächsweise näher. Sprachen über eine Stunde
miteinander. Dann fragte die St. Gallerin, ob ich nicht mehr böse sei, wegen
dem anonymen SMS. Sicher nicht, meinte ich, wenn Sie mir nicht böse sei
wegen dem Meier zu Beginn. «Gewiss nicht», antwortete sie, das sei doch
jetzt ein schönes Gespräch gewesen. Und ich solle mich doch das nächste Mal
am Fernsehen für den Frieden in der Schweiz einsetzen. Auf keinen Fall aber
aggressiv sein. Was ich natürlich versprochen habe.
Sie schickte mir dann noch ein SMS mit ihrem Namen und ihrer Adresse. Und
noch ein klein wenig später bedankte sie sich für meinen Dank dafür.
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Andreas Gross
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