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Januar 2001 |
Die Ausgestaltung der Verfahren entscheidet die Güte der Direkten Demokratie
Bald beschliesst das Niederländisches Parlament über die
Einführung eines Korrektiven Referendums, vorläufig in nicht
verbindliche Form. Es ist kein Zufall, dass die Art wie die
Unterschriften für ein Referendum gegen ein im Parlament
beschlossenes Gesetz gesammelt werden dürfen, bis kurz vor Schluss
der parlamentarischen Beratungen umstritten geblieben ist. Denn die
Güte der Direkten Demokratie entscheidet sich mit der Ausgestaltung
ihrer Verfahren. Die Fristen, das heisst die Zeit, welche den
Bürgerinnen und Bürgern einerseits und den Behörden sowie den
interessierten Verbänden und Organisationen andererseits
zugestanden wird, sowie die Art, wie die Unterschriften
zusammenkommen sollen entscheiden, zusammen mit der Zahl der
notwendigen Unterschriften sowie den Erfordernissen der
Entscheidungsfindung über die Frage, ob die Direkte Demokratie
wirklich zur Demokratisierung der Demokratie beiträgt oder bloss
die politischen Frustrationen engagierter Bürgerinnen und Bürger
weiter erhöht.
Lehrreiche Erfahrungen im Ausland
Portugal hat vor wenigen Jahren der Ausgestaltung dieser Verfahren
zu wenig Beachtung geschenkt. Deshalb machte es 1998 und 1999 bei
seinen zwei ersten nationalen Referendumsabstimmungen so schlechte
Erfahrungen, dass heute auch diese Form der Weiterentwicklung der
Demokratie diskreditiert ist und niemanden mehr ermutigt. In
Kalifornien ist eine weitere Reformkommission des Vorsitzenden des
staatlichen Parlamentes mit der Revision dieser
Verfahrenbestimmungen befasst, weil sich dort in den letzten Jahren
gezeigt hat, dass die in Kalifornien bis heute geltenden Regeln
nicht wie in der Schweiz die Kooperation der verschiedenen
Institutionen fördern sondern ihre antagonistische Stellung und so
jene geldmächtigen Kreise begünstigen, welche mit der Direkten
Demokratie Parlament und Regierung schwächen statt Deliberationen
zu intensivieren und damit die Kluft zwischen ihnen und den
betroffenen Bürgerinnen und Bürgern zu verkleinern.
Kommunikation als Seele der Direkten Demokratie
Die Seele der Direkten Demokratie ist die Diskussion, die Reflexion
und die kommunikative Anstrengung. Wesentliches Element der
direktdemokratischen Kultur ist die Bereitschaft aller, ihre
politischen Ansichten, Absichten und Handlungen zur Diskussion zu
stellen und dafür argumentativ einzutreten. Ein Referendum ist
kommunikationstheoretisch verstanden, das Recht einer Minderheit von
Stimmberechtigten, die Volksvertreter zu veranlassen, ihren
Beschluss öffentlich zu rechtfertigen und damit nicht nur im
Parlaments sondern auch in der betroffenen Bevölkerung und dies
sind schliesslich meistens wir alle, eine Mehrheit zu finden.
Auslösen muss das Referendum eine möglichst tiefe, breite und
anspruchsvolle Diskussion, in der möglichst viele Menschen die
Meinungen der anderen kennen lernen und in der Auseinandersetzung
mit ihr, die eigene eventuell modifizieren.
Politologisch gesehen liegt hier die eigentliche
Legitimationsleistung der Direkten Demokratie begründet. Denn mit
einem Referendum können aktive, kritische Bürgerinnen und Bürger
die Mehrheit im Parlament zwingen, ihren Beschluss kommunikativ zu
begründen und damit zu legitimieren. Wenn Holland einmal auch ein
Initiativrecht hat, das heisst den Bürgerinnen und Bürgern
ihrerseits erlaubt, neue Gesetze oder Verfassungsrevisionen zur
Diskussion zu stellen, dann zwingt es auch die Opposition ihre
Anliegen sachlich zu legitimieren, somit in der Bevölkerung besser
zu verankern und so vielleicht auch die Mehrheiten im Parlament zu
veranlassen, etwas von diesem Anliegen, sofern es denn in der
Bevölkerung gut ankommt, aufzunehmen.
Die Integration der Gesellschaft
Aus diesen Diskussions- und Legitimationsprozessen entsteht die
dritte grosse Leistung der Direkten Demokratie: Sie hält eine
Gesellschaft zusammen, die immer weniger objektive gemeinsame
Eigenschaften (Religion, Arbeit) kennt, immer unterschiedlicher wird
und immer mehr vor allem durch die Art und Weise integriert wird,
wie Konflikte gelöst, Entscheide gefällt und somit politische
Macht ausgeübt wird. Diese Integrationsleistung erfolgt umso besser
und mit möglichst wenig äusserem Zwang, desto kommunikativer die
Verfahren der Direkten Demokratie ausgestaltet sind, desto besser und zugänglicher die Öffentlichkeit - die Arena dieser
vielfältigen Kommunikation - funktioniert und desto mehr alle,
auch klein Gruppen und Organisationen ihre Ideen, ihre Kritik und
ihre Überlegungen einbringen können und auch Gehör finden. Die praktische Bedeutung theoretischer Überlegungen Diese theoretischen Überlegungen und Begründungen der Direkten Demokratie haben eine grosse praktische Bedeutung. Sie liefern die Kriterien zur Diskussion der Verfahren, welche die Direkte Demokratie regeln. Sind zum Beispiel die Quoren für ein Referendum zu hoch, dann können kleinere, schwächere Gruppierungen sich dieser Instrumente nicht bedienen und so würde die Direkte Demokratie an Integrationskraft gegenüber ihnen verlieren und sie fühlten sich nach wie vor von grossen Teilen der offiziellen Politik nicht gehört und somit auch nicht verstanden. Ein weiterer Baustein für das kommunikative Fundament im Hinblick auf die angestrebten, integrativen Leistungen der Direkten Demokratie ist das freie Unterschriften sammeln. Wenn immer Menschen sich begegnen, zu Hause im Freundeskreis, im Gasthof, im Cafe, auf dem Markt oder vor dem Einkaufszentrum sollten sie angesprochen werden dürfen und eingeladen werden können zur politischen Diskussion. Dies findet dann wirklich statt, wenn für den Fall des Einverständnisses mit dem Unterschriftensammelnden der betreffende Bürger nicht noch einen zusätzlichen Aufwand auf sich nehmen muss (Gang ins Rathaus zur Büroöffnungszeit beispielsweise) um seine Unterschrift abzugeben. Recht und Ordnung ohne kommunikative Beschränkung Und weil dann das Unterschriftensammeln an diesen Orten weniger effizient wäre, würden aktive Bürgerinnen und Bürger an diesen öffentlichen Orten auch weniger das Gespräch mit ihnen unbekannten Bürgerinnen und Bürgen suchen, was wiederum ein Verlust wäre. Denn von Unbekannten lernen wir immer am meisten. Sie konfrontieren uns mit überraschenden Einsichten, sie machen uns auf verborgene und unbekannte Ansichten aufmerksam; von ihnen bekommen wir die Anstösse, um selber weiter zu denken und klüger zu werden. Bei diesen Begegnungen «auf der Strasse» mit Herrn oder Frau Niemand machen viele schweizerische demokratische Aktivisten auch die Erfahrung, dass viele einfache Bürgerinnen und Bürger viel klüger sind und manchmal viel treffendere Überlegungen zur Diskussion stellen, als Eliten im allgemeinen «dem Volk» zutrauen. Gerade solche Erfahrungen machen dann auch viele von sich sehr überzeugte Menschen etwas bescheidener und offener für Andersdenkende. Rein technisch kann die Unterschriftenabgabe in öffentlichen Gebäuden statt an allen möglichen Orten der Begegnung von Menschen nicht begründet werden. Denn zur Kontrolle der Rechtmässigkeit des Vorgangs braucht es diese massive Einschränkung der politischen Kommunikation nicht. In der Schweiz ist die Rechtmässigkeit so garantiert, dass der Unterschriftenbogen, der frei zirkulieren und überall unterzeichnet werden darf, gewissen gesetzlichen Anforderungen genügen muss, nur von den Bürgerinnen und Bürger einer einzigen Gemeinde unterzeichnet werden darf und von den Trägern des Referendums nach der Unterschriftensammlung dann an die betreffende Gemeindekanzlei zur Beglaubigung der Unterschrift eingesandt werden muss. Die Kanzlei kontrolliert dann anhand des Einwohnerverzeichnisses, ob der betreffende Bürger wirklich in der Gemeinde wohnt und ob er das Referendum nicht bereits unterzeichnet hat.
In diesem Sinn ist die Frage des freien Unterschriftensammelns nur
ein Beispiel für die zahlreichen Verfahren der Direkten Demokratie,
die so ausgestaltet werden müssen, dass sie ihre positiven
Leistungen für die bessere Verankerung der Politik und die
grössere Integration der Gesellschaft entwickeln kann.
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