28. Sept. 2006

Südostschweiz

Bündner Geschichtliches für die Sessiuns-Gäste

Christian Rathgeb und Martin Bundi informieren über die Geschichte der Innen- und Aussenbeziehungen Graubündens.

Christian Rathgeb und Martin Bundi:
Graubünden zwischen Integration und Isolation
Südostschweiz Buchverlag, Chur
Herbst 2006, 88 Seiten


Von Nationalrat Andi Gross (Zürich)
Andi Gross ist Politikwissenschafter, Präsident der Staatspolitischen Kommission des Nationalrates und einer der engagiertesten Europaräte.


Zu essen gibt es während der gegenwärtigen Sessiun mehr als genug. Fast so viel wie Veranstaltungen von vielerlei Verbänden und Grüppchen, die Bundesberner Geld ins Bündnerland lotsen wollen.

Nun gibt es endlich aber auch ein Angebot geistiger Kost, die von zwei engagierten Bündnern geschrieben wurde, deren Horizont über das Geld und die Bündnerberge hinausreicht. Die Kost, welche die Region verfassungs- und aussenpolitisch verorten will, ist erst noch in ein Büchlein gefasst, das nicht nur von den Gästen, sondern auch von Bündnerinnen und Bündnern, die derzeit nicht in Flims Bundesbern umgarnen, mit Erkenntnisgewinn genossen werden kann.

Verantwortlich für die sehr willkommenen historischen Gedankenanstösse ist ein überraschend ungleiches Autorenpaar: Der junge Bündner FDP-Präsident Christian Rathgeb und SP-Alt-Nationalratspräsident Martin Bundi aus Chur. Rathgeb konzentriert sich auf die Darstellung der Entwicklung der geschriebenen Verfassung Graubündens während der letzten 200 Jahre. Bundi widmet sich den Bündner Aussenbeziehungen während der letzten 600 Jahre, wobei «aussen» ganz früher die alteidgenössischen Kantone, vor 200 Jahren die europäischen Grossmächte, etwas später der neue schweizerische Bundesstaat und in neuerer Zeit wiederum Europa und die Welt meint.

Rathgeb und Bundi kommen auf sehr unterschiedlichen Wegen zu durchaus ähnlichen Schlussfolgerungen, die sie dann engagiert zu vertreten wissen. So meint Christian Rathgeb zusammenfassend: «Die historischen Meilensteine (der bündnerischen Verfassungsentwicklung) 1798 (Integration in die Helvetische Republik), 1803 (Integration in die Schweizerische Eidgenossenschaft), 1814 (Abwendung der Restauration) und 1853 (Nichtgewährleistung der Kantonsverfassung durch die Bundesversammlung) wurden nicht aus freien Stücken, sondern unter Zwang geschaffen. (...) Rückblickend betrachtet können heute alle diese äusseren Einflüsse (...) als für die Entwicklung Graubündens positiv beurteilt werden.»

Martin Bundi, 1986 Präsident des Nationalrates, kommt nach der Analyse der Bündner Aussenbeziehungen während 600 Jahren zum Schluss: «Dass isolationistisches Verhalten einem Staat zum eigenen Schaden gereichen, offene und solidarische Aussenbeziehungen aber zu Glück und Wohlstand verhelfen können, kann am Auf und Ab der Entwicklung des Freistaates der Drei Bünde und in der Folge des Kantons Graubünden sehr wohl wahrgenommen werden.»

Die beiden engagierten Politiker und Mitglieder der letzten Bündner Verfassungskommission bringen selbstverständlich auch gewisse Enttäuschungen zum Ausdruck. So bedauert Rathgeb, dass es der jüngsten Bündner Verfassungsrevision an Mut und Visionen mangelte. Er vermisste Reformbereitschaft vor allem im Bereich der Regionenentwicklung, der Demokratisierung des kantonalen Parlamentarismus und der Verwaltungsreform. Bundi beklagt das jetzt gerade auch wieder in Flims spürbare „Bünder Sonderfalldenken, das ‚Manna’ von Bern erwartet, anstatt selber rechtzeitig und kreativ tätig zu werden.»

Die gut lesbare Schrift der beiden geschichtlich versierten Politiker ist aber auch eine Fundgrube für europäisch und demokratisch engagierte Schweizer, die immer mal wieder auf den Gedanken gebracht werden, Graubünden als Schweiz und die Eidgenossenschaft als künftigen europäischen Bundesstaat zu denken. So lässt sich denn die heutige schweizerische Existenz wie früher die Bündnerische als wirtschaftlich integrativ und politisch und mental eher isolationistisch verstehen und sich fragen, ob auch die Schweiz wieder auf den Druck von aussen warten will, bis sie die Kraft zu zukunftsweisenden und letztlich segensreichen Weichenstellungen findet.

So war sich der alte Dreibündenstaat im 16. und 17. Jahrhundert nicht bewusst, dass der Zwang für alle aussenpolitischen Reformen erst die Zustimmung aller Gemeinden einholen zu müssen, zwar zeitaufwendig ist, die damit verbundenen Auseinandersetzungen aber aussenpolitische Einsichten verallgemeinerten und verankerten, die besser hätten genutzt werden können. Oder wenn der grosse, auch im Bündnerland beheimatete helvetische Revolutionär Heinrich Zschokke 1838 meinte, die «weltlichen Oligarchien und die politische Macht der Priesterherrschaft seien die eigentlichen Gebieter des souveränen Volkes» und diese seien «jeder Neuerung abhold»: Wer denkt dann nicht an heute und ist sich bewusst, dass die Rolle der Priester heute die grossen TV-Imperien und Lobbyisten übernommen haben?

Die kleine Schrift von Christian Rathgeb und Martin Bundi versucht im richtigen Moment alle Schweizerinnen und Schweizer auf schlummernde Potenziale im Kanton und Bund aufmerksam zu machen, die auch in unserem Interesse in und für Europa und eine rücksichtsvollere Welt besser genutzt werden könnten. Es ist zu hoffen, dass Gastgeber und Gäste der Sessiun diese Botschaft ebenso zur Kenntnis nehmen und in ihren künftigen tagen aufnehmen.


Andreas Gross



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