2. Juli 2006

Sonntagszeitung
Rubrik Offside

Verkehrt

Von Andi Gross
Andi Gross ist Politikwissenschafter sowie Zürcher SP-Nationalrat und Europarat. Seit 1963 FCB-Fan, mauserte er sich über den Fussballspieler zu einer Art Fussballphilosoph.


Ob der Weltmeister 2006 nun in unserem Süden liegt oder von Westen kommt, ist für die Bilanz dieser WM unerheblich. Die Überraschung dieser WM lag nicht auf dem Platz, sondern neben ihm. Nicht die Spieler lieferten sie, sondern die Zuschauerinnen und Zuschauer, millionenfach, überall auf der Welt.

Die beiden möglichen Weltmeister widerlegten dieses Fazit nur je einmal: Frankreich gegen Brasilien, als die Kunst versagte und die Organisation gewann. Italien gegen Deutschland, weil die Italiener klinsmännischer spielen können als das Team des neuesten deutschen Revolutionärs. Die übrigen 60 WM-Spiele waren meist von dem geprägt, was unsere derzeitige tägliche Existenz ausmacht: Von Ängsten, der Lähmung durch die Sucht nach Sicherheit, von Zerstörung (deswegen eben auch die Sucht ...) und weniger vom kunstvollen gemeinsamen Aufbau, vom Quer- statt vom Steilpass.

Die Überraschung lieferten jene, die den Spielern zuschauten, unmittelbar in den Stadien und mittelbar über die Abermillionen von Bildschirmen. Verdeckt wurde sie freilich durch noch mehr Millionen von Fahnen und Wimpeln. Zu viele Interpreten unserer Zeit liessen sich dabei von dieser Form – ursprünglich Zugehörigkeitszeichen bei Schlachten und in der Seefahrt – irreführen und verkannten so die Zeichen unserer Zeit hinter diesen alten Zeichen vergangener Zeiten.

Dem dummen, einfältigen Spruch «Die Welt hat wieder Angst vor uns» in der FAZ vom 3.7.06 des Bier- und Rasierwasserbewerbers Oliver Bierhoff, im Nebenamt auch deutscher Team-Manager, zum Trotz: Mit Patriotismus und Chauvinismus oder gar Nationalismus, mit Kriegsersatz oder gar mit der Vorbereitung neuer Schlachten haben die emotionalen Aufwallungen von Millionen von Menschen in den vergangenen vier Wochen wenig bis gar nichts zu tun. Schon eher mit der zynisch aggressiven Kälte des modernen Arbeitsalltags, der vom Autor Martin Suter wöchentlich im Magazin und jährlich in Bestsellern (bei Diogenes) so süffisant beschrieben wird.

Dieser Kälte wollten sie entfliehen. Eine Flucht voller Paradoxe gewiss: Denn bei der gemeinsamen Betrachtung eines sportlichen Wettbewerbs wollten sie den ruinösen Wettbewerb der Märkte vergessen; durch die Identifikation mit einem Team die tägliche Vereinzelung überwinden, endlich wieder einmal sich freuen können. Sie deuten auf ungeheure brach liegende positive Energien hin. Morgen, nach der WM, sollten wir uns fragen, wie wir sie anders wirklich nutzen könnten - für uns alle.


Andreas Gross



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