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13. Juni 2006
Tages-Anzeiger
Zürich
WM-Kolumne Offside
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Paradox
Von Andreas Gross
Andreas Gross ist Politikwissenschafter sowie Zürcher SP-National- und Europarat. Er ist FCB-Fan seit 1963, verdiente sich sein Geschichtsstudium als Sportjournalist und schämte sich schon vor über zehn Jahren (öffentlich) für den Joggeli-Rassismus nicht nur in der Muttenzer-Kurve.
Endlich. Es ist so weit. Auch für uns beginnt heute Abend um 18 Uhr, worauf wir so lange gewartet haben: Der Anpfiff zum WM-Auftritt des FC Schweiz. Doch wird uns dies erleichtern? Werden wir uns freuen? Ist nicht vielmehr Trauer angebracht? Denn die schönste Zeit ist dann doch schon vorübergegangen, unwiederbringlich vorbei. Die Zeit des Träumens, des Schwelgens in Vorstellungen wie "Wir wollen Weltmeister werden" oder "Es ist alles möglich" und weiterem ähnlich Ent- und Verrücktem.
Nein, die Leichtigkeit des fussballerischen Seins der neuen Eidgenossenschaft wird heute Abend langsam aber sicher zu Ende gehen. All die kollektiven und individuellen Träumer- und Schwärmereien - Transzendierungen über die Wirklichkeit hinaus - die im vergangenen November so byzantinisch begannen, sie sterben bald. Dann werden uns die widrigen Wirklichkeiten wieder haben. Wenn nicht schon angesichts von Frankreich, dann eben einige Tage später gegenüber Spanien, der Ukraine oder - es wäre wohl für die meisten am erträglichsten - angesichts des fantastischen Brasilien.
Ein kleiner Vorschlag zur Trauerarbeit ob diesem Paradox der verlorenen Hoffnungen: Lasst uns weniger nur sportlich träumen. Denn der Sport ist mehr als ein Spiegel der Wirklichkeit, er ist deren Hohlspiegel. Vieles wird darin verzerrt und viele irregeleitet. Wer sich nur in Hohlspiegeln betrachtet muss erschaudern.
Lasst uns also weniger abheben, den Traum weniger als Flucht aus der Wirklichkeit verstehen, sondern als Kraft, um es in der Wirklichkeit künftig anders besser machen zu können. Damit real eine andere menschlichere Wirklichkeit wirklich wird. Wer sich vorstellen kann, dass und wie es anders sein könnte, der findet auch die Kraft und die Leidenschaft, dafür etwas zu tun, zu handeln. Mit vielen anderen zusammen, nicht gegen sie. Wenn einer allein träumt, ist alles bloss ein Traum. Wenn viele träumen und darauf Taten folgen lassen, dann kann es der Anfang von etwas Anderem sein. Von etwas, das nicht scheitern muss irgendwann in den kommenden 26 Tagen. Etwas, das dauert. Mehr als Fussball also. Let's do it.
Andreas Gross
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