08.01.2003

Zürcher Unterländer

Formen und Farben anstatt Notizen


Andreas Gross vor seinen «Sitzungsprotokollen»
im Neuhof in Bachs.
(Bild: David Baer)

BACHS / Andreas Gross stellt im Neuhof in Bachs seine gezeichneten Sitzungsprotokolle aus. Andreas Gross sitzt im Nationalrat, im Europarat und im Zürcher Verfassungsrat. Während der Sitzungen zeichnet er Sitzungsprotokolle. Heute findet die Vernissage seiner Zeichnungen im Neuhof in Bachs statt.

Interview: Sandra Zrinski

Zürcher Unterländer: «Verfassen» Sie Ihre zeichnerischen Reflexionen tatsächlich während der Sitzungen?

Andreas Gross: Ja, während der Kommissionssitzungen. Im Nationalrat sitzen wir bis zu zehn Stunden zusammen. Die meisten lesen Zeitung oder blättern in den Akten, und ich zeichne. So schlafe ich nicht ein. Oft kämpft man mit der Müdigkeit. Durch das Zeichnen bin ich viel konzentrierter und höre genauer zu. Es ist eine Art gesunde Quelle von Aufmerksamkeit, welche ich im Zeichnen finde. Gleichzeitig ist es etwas Lustvolles und Spielerisches, es baut Aggressionen ab.

Wie reagieren Ihre Ratskolleginnen und -kollegen?

Das Zeichnen hat noch nie jemanden gestört. Einige Kolleginnen und Kollegen schauen mir sogar amüsiert über die Schultern. Wenn jemand einen Laptop bedient, so lenkt dies viel stärker ab. Viele haben auch schon eines meiner Bilder geschenkt bekommen oder eines gekauft.

Sie machen also Zeichnungen und die anderen Notizen?

Ja, das ist richtig. Ich mache fast keine Notizen mehr. Wir bekommen nachher ja immer riesige Protokolle.

Heisst Zeichnen für Sie demnach verarbeiten?

Das kann man so sagen. Ich bin selten total erschöpft und habe im Vergleich zu früher selten Kopfschmerzen. Diese hat man ja meistens, wenn man sich aufregt und nichts sagen oder tun kann. Es ist nicht immer möglich, den Inhalt der Sitzung in den Zeichnungen zu erkennen. Es gibt Themen, die sich besser visualisieren lassen als andere. Gute Beispiele sind das Asylrecht oder das Thema Minderheiten.

Und wie sind Sie zum Zeichnen gekommen? Das weiss ich nicht mehr so genau. Ich hatte schon früh eine Beziehung zur modernen Kunst, auch zu den Zürcher Konstruktivisten und zur russischen Avantgarde. Aber ich bin kein guter Zeichner im klassischen Sinn. Abstrakte Formen und Flächen haben mich schon immer inspiriert und angeregt. Es gefiel mir, mit immer ähnlichen Formen neue Bilder zu schaffen.

Ihre Bilder bestehen aus geometrischen Formen und weisen höchstens vier Farben auf. Steckt da ein Konzept dahinter?

Die Farben hängen schlicht und einfach von der Auswahl der zur Verfügung stehenden Filzstifte ab. Es ist eine bestimmte Art von Filzstiften, welche ich immer dabei habe. Aus der Not der Situation habe ich eine Tugend gemacht. Die Abstrakion von Linien und geometischen Formen stammt aus der Zwischenkriegszeit, in welcher meine Lieblingsmaler lebten. Davon wurde ich beeinflusst. Ich will mit wenig Material eine Vielfalt hervorbringen. Schliesslich folgt die Farbgebung einem bestimmten Konzept.

Eine Ihrer Zeichnungen heisst «Asyl, die SVP und die Schweiz». Sie zeigt zwei verschieden grosse Rhomben, die durch eine Spirale voneinander getrennt werden. Was soll es aussagen?

Das ist eines der Bilder, bei welchem sich das Thema gut visualisieren liess. Die Wellenbewegungen symbolisieren Spaltungen, und bei der Asylfrage geht es immer um Ausschluss und Abwehr. Das versuche ich zum Ausdruck zu bringen: Eine repressive Politik, welche abschliesst und ausschliesst, die es zu hinterfragen gilt.

Es dreht sich also vieles um Gegensätze. Durch ihre Tätigkeit im Europarat kennen Sie die Unterschiede zwischen Ost und West. Wie können sich diese beiden Pole näherkommen?

Die zehn ärmsten Länder des Europarates sind ärmer als manche afrikanische Staaten. Die meisten Schweizerinnen und Schweizer sind sich dessen nicht bewusst. Es muss zu einem Ausgleich der Lebenschancen kommen. Denn ewig lassen sich Menschen nie so viel Gewalt gefallen. Ihr Elend betrifft auch uns. Denn ohne dessen Überwindung und ohne Ausgleich können sie weder bei sich noch mit uns Frieden finden.

Zurück nach Zürich. Im Verfassungsrat haben Sie «Wille und Schwächen» gezeichnet. Mussten Sie viele Abstriche machen?

Ich habe meine Utopien. Diese dienen mir aber nicht als Flucht, sondern als Motivationsquellen und Orientierungspunkte. Für mich ist es auch kein Gegensatz, Utopien zu haben und Kompromisse zu machen. Im Zürcher Verfassungsrat ist mir bisher fast mehr gelungen, als ich erwartet habe.
Unsere Verfassung aus dem Jahre 1869 war damals die demokratischste Verfassung der Welt. Deshalb habe ich mir zum Ziel gesetzt, in Sachen Direkter Demokratie wieder das Optimum zu erreichen. Und dies ist uns bisher gelungen. Enttäuscht bin ich vom Verfassungsrat im Bereich der sozialen Verantwortung des Eigentums und der fehlenden Orientierung auf Gemeinsinn und der Solidarität.

Am 23. Januar wird im Neuhof in Bachs der Demokratische Verein Zürich gegründet. Was sind die Ziele dieses Vereins?

Die Idee eines solchen Vereins ist alt. Mir fällt auf, dass die meisten die Direkte Demokratie schätzen, aber nur wenige sie gut kennen. Die Direkte Demokratie im Kanton Zürich ist eine Errungenschaft der Oppositionsbewegung zwischen 1860 und 1870, die Frucht einer eigentlichen Revolution. In dieser Zeit gab es in Bülach und im Zürcher Unterland bedeutende Leute, welche völlig in Vergessenheit geraten sind. Wir wollen deshalb einen Verein gründen, welcher diese Geschichte aufarbeitet. Ausserdem soll er eine Lobby und ein Hüter der Direkten Demokratie sein. Kein konservativer, sondern einer mit Modernisierungswille und der Kraft zur Verfeinerung der Direkten Demokratie.

Ist das nötig?

Auf jeden Fall. Dies zeigt sich aktuell am Zürcher Regierungsrat. Dieser macht heute die gleichen Fehler wie arrogante Liberale im 19. Jahrhundert. Er ist überheblich, verschliesst sich der öffentlichen Auseinandersetzung und weigert sich, mit den Zürcher Unterländern vor den Wahlen über den Fluglärm zu diskutieren. Das ist absolut beschämend.

Künnen im Verein alle Interessierten Mitglied werden?

Selbstverständlich, denn es braucht Leute aus den verschiedensten Richtungen und Parteien, um in der Schweiz etwas bewirken zu können. Eigentlich wollten einige vor sechs Jahren die Gsoa in einen Demokratieverein umwandeln, aber das war nicht möglich.

Werden Sie während der Sitzungen des Demokratischen Vereins auch zeichnen?

Nein. Wenn ich eine Sitzung leiten muss, dann kann ich nicht zeichnen. Das kann ich nur, wenn ich ein einfaches Mitglied bin und nur zuhören und mitreden muss.

Andreas Gross

 

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