01.08.2002

1.-August-Reden 2002
in Erlenbach und Schwerzenbach

Die Zukunft der Anderen

Geschrieben auf einer Felseninsel in einem Fjord nahe der schwedisch/norwegischen Landesgrenze

Zentrale Stichwörter und Schlüsselsätze


Der 1. August ist für mich mehr als ein Feiertag. Am 1.August sollten wir ganz besonders und gemeinsam tun, was jeder und jede von uns eigentlich jeden Tag ein klein wenig tun sollte: Ich meine nachdenken.

Nachdenken über den Zustand unserer Gesellschaft. Wie geht es den anderen? Wie sehen sie die Zukunft? Was ist meine Beziehung zu den Anderen, zum Ganzen. Handle ich im Bewusstsein, dass auch ich ohne die anderen nicht sein könnte, was ich bin? Gebe ich allen etwas von dem auch wieder zurück, was ich von ihnen bekommen habe? Trage ich dazu bei, dass auch die anderen das tun können, was mir möglich gewesen ist?

Für mich heisst heute eine der Schlüsselfragen: Können wir noch tun, was wir gemeinsam tun sollten im Interesse einer gemeinsamen Zukunft? Und mit «den anderen», meine ich auch, aber nicht nur, die Zürcher oder die Schweizerinnen, sondern alle Menschen auf dieser Welt. Wenn wir nachdenken über das Gemeinsame, sollten wir ganz besonders auch über unser Verhältnis zu jenen nachdenken, die weniger Glück hatten als wir, die auf der Schattenseite dieser Welt auskommen müssen.

Es gehört zu den Eigenheiten unserer Zeit, dieses 1.Augustes, dass auch jene, die auf der Sonnenseite dieser Welt leben dürfen, wieder vermehrt mit den Schattenseiten unseres Daseins konfrontiert werden. Sicher, Schweizer sind wahrscheinlich noch nie zufrieden gewesen. Unzufriedenheit ist schliesslich auch ein wichtiger Motor des Wandels zum Besseren.

Doch derzeit gehen die Sorgen und Ängste vieler unter uns über das in der Schweiz übliche tatsächlich hinaus. Und diese Ängste und die ihnen zugrunde liegenden Erfahrungen deuten auf ganz wesentliche, strukturelle Defizite unserer Gesellschaft hin, die uns aufschrecken lassen, zum Nachdenken auffordern und dann auch zu neuem Handeln ermutigen sollten.

Plötzlich erkennen viele, dass zentrale Grössen der Wirtschaft dem gemeinsamen Gestaltungsraum entrücken. Viele fühlen sich von anonymen und kalten Institutionen wie der Börse, Aktienwerten, fernen Verwaltungsratsentscheidungen abhängig, bei denen ihre Person, das Schicksal ihrer Familie, keine Rolle zu spielen scheinen, von deren Entwicklung aber auch die eigene Existenz abhängt.

Diese Erfahrung ist nicht einfach Zufall oder Schicksal. Seit über 20 Jahren gibt es Bestrebungen, ganz bewusst die Macht des Gemeinsamen abzubauen und die Macht Einzelner zu stärken. 1869, als die Demokratische Bewegung im Kanton Zürich, die bis heute geltende Zürcher Verfassung erkämpfte mit den damals direktdemokratischsten Einrichtungen der Welt, lautete die Parole genau umgekehrt: Alle Macht dem Volk, weniger Macht den Einzelnen, Stärkung des Einflusses der Politik, Schwächung von Einzel- und Partikularinteressen.

Daran müssen wir heute wieder anknüpfen, wenn wir die Entmachtung der Politik aufhalten wollen, was nichts anderes ist als die Entmachtung unserer gemeinsamen Möglichkeiten, unser aller Existenz miteinander im gemeinsamen Interesse gestalten zu können. Denn nichts anderes meinte das Wort Freiheit im Sinne der französischen Revolution: Freiheit heisst, dass wir unser Leben gemeinsam in die eigenen Hände nehmen können, dass unser Leben weder Schicksal ist noch abhängig vom König, und heute müsste man ergänzen, auch nicht abhängig von der Börse oder von Aktienkursen, die sich nicht unseren Bedürfnissen entlang entwickeln.

Wer heute aber deshalb und im Sinne der französischen Revolution und der Zürcher Demokratiebewegung die Freiheit wieder stärken, die Macht der Demokratie stärken und die gesellschaftliche Gestaltungskraft wieder herstellen will, der kann nicht einfach wiederholen, was die anderen früher geleistet haben. Wenn sie damals die Demokratie auf der gleichen Höhe wie die Wirtschaft verfasst und ausgestaltet haben, um eben dieser Wirtschaft, demokratisch legitimiert, soziale Leitplanken setzen und Regeln im gemeinsamen Interesse aufzwingen zu können, dann heisst dies heute, dass wir dies zumindest europäisch, wenn nicht sogar global tun müssen, wenn wir den gleichen Effekt erzielen wollen.

Mit anderen Worten: Wer will, dass gemeinsame Interessen wieder prioritär gelten und beachtet werden müssen, der muss sich für eine Verankerung der Demokratie auf europäischer Ebene und eine Mitwirkung der Schweiz in diesem verfassten Europa einsetzen. Und weil wir es heute mit einer globalisierten Wirtschaft zu tun haben, die eigentlich wie 1848 die schweizerische, auch lernen sollte, Rücksicht zu nehmen auf die Anderen, Schwächeren und weniger Privilegierten. Wer dies wünscht, der muss sich für die Stärkung der UNO und ihre Demokratisierung einsetzen, dass sie soziale und ökologische Massstäbe setzen darf, an die alle, auch die grössten Staaten und die mächtigsten Unternehmungen, sich zu halten haben.

Exgüsi, billiger geht es nicht. Es sind solche Horizonte, die heute zur Diskussion kommen müssen, wenn wir den Ängsten und den Sorgen Vieler an diesem 1. August wirklich gerecht werden wollen. Vielen mag dies utopisch erscheinen: Ihnen möchte ich aber in Erinnerung rufen, dass alles, worauf sie heute stolz sind, einmal als utopisch erschienen ist. Und schliesslich beginnt auch ein langer Weg immer mit kleinen Schritten. Tun diese Schritte viele gemeinsam, dann kann uns allen auch ein langer gemeinsamer Weg gelingen.

Darüber sollten wir nicht nur heute am 1. August nachdenken. Und dann auch konkrete Schritte tun, handeln, uns entsprechend engangieren. Damit wir, wenn wir dann wieder über uns nachdenken, merken, dass sich etwas bewegt hat, dass wir weiter gekommen sind. Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar und ich würde mich mit Ihnen darüber freuen. Vielen Dank.

Andreas Gross

 

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