01. Okt. 2004

Zeitlupe 10/04

Die Wehrpflicht hat sich überlebt
wie der Heizer auf der elektrischen Eisenbahn


Von Andreas Gross
Politikwissenschafter und Zürcher SP-Nationalrat


Die weltpolitischen Umstände, welche die Friedens- und Sicherheitspolitik bestimmen, haben sich in den vergangenen 15 Jahren so grundlegend verändert wie vor 100 Jahren das Eisenbahnwesen mit dessen Elektrifizierung. Gehörte auf eine Dampflokomotive ein Heizer wie das Amen in die Kirche, so ist dieser auf einer elektrisch betriebenen Eisenbahn so überflüssig wie ein Kropf.

Ohne allgemeine Wehrpflicht hätte es im 19.Jahrhundert keine vom Volk getragene umfassende Landesverteidigung geben können. Heute ist die Landesverteidigung nicht mehr der Kern der schweizerischen Sicherheits- und Friedenspolitik. Denn das Land ist nicht mehr bedroht, sondern umgeben von Staaten, welche einem der Eidgenossenschaft nicht unähnlichen Bund angehören. Dieser hat in den vergangenen 50 Jahren einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland so unwahrscheinlich gemacht, wie der Bund einen Krieg zwischen Zürich und Basel. Dies ist eine weltpolitisch ungeheure Errungenschaft, denn zwischen dem 16. Jahrhundert und 1945 kriegten Deutsche und Franzosen regelmässig in Abständen von etwa 30 Jahren. Die wechselvolle Geschichte des Elsass ist beredter Ausdruck davon.

Die allgemeine Wehrpflicht stellt der Sicherheitspolitik jährlich etwa 30'000 Männer zur Verfügung. So viele Leute kann sie heute gar nicht mehr gebrauchen. Denn heute ist die schweizerische Sicherheit ein Produkt der europäischen Staatengemeinschaft. Die Schweiz leistet dazu ihre Beiträge, aber sie erwirtschaftet dieses Produkt nicht mehr alleine. Dazu braucht sie freiwillige Spezialisten, die bereit sind, ihre Arbeit in der ganzen Welt zu vollbringen. Dazu kann man allgemein Wehrpflichtige weder zwingen noch gebrauchen.

Es ist durchaus richtig, dass es vielen jungen Schweizerinnen und Schweizern gut tut, ein oder zwei Jahre in einer echten Gemeinschaft für die Gemeinschaft tätig zu sein. Dazu kann man sie meines Erachtens aber weder zwingen, noch sollte sich dieser Dienst auf die Sicherheitspolitik im engeren Sinne beschränken. Freiwillige Gemeinschaftsarbeit haben wir in vielen Bereichen unserer Gesellschaft dringend nötig; zu denken ist an das Gesundheitswesen, den Sozialbereich, die Landschaftspflege bis zu zivilen Aufbauarbeiten in kriegsversehrten Ländern oder Entwicklungsgebieten.

Doch zu solchen guten Taten darf man niemanden zwingen, sondern wir müssen alle dazu ermutigen. Beispielsweise indem diejenigen, die derart ein Lebensjahr der Allgemeinheit schenken, dafür in ihrem Berufsleben ein Lebensjahr in Form eines kostenlosen Bildungsurlaubes zurückerhalten.

Andreas Gross



Nach oben

Zurück zur Artikelübersicht