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13. Okt. 2004
AZ-Tribüne
Aargauer Zeitung
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Nicht nur das Problem, auch die Versuche,
es zu lösen, verdienen unsere Aufmerksamkeit
Von Andreas Gross
(52, Politikwissenschafter, Zürcher SP-National- und Europarat, Präsident
der schweizerischen Europaratsdelegation)
Sie erinnern sich. Mittwoch, 1. September. Erster Schultag in Russland,
ein Freudentag für viele Jungen und Mädchen, Eltern und Grosseltern, auch
im nordossetischen Beslan. Ein Name, den heute jeder kennt. Denn aus dem
Tag, der ein Freudentag hätte werden sollen, wurde eine Horror-Erfahrung.
Kriminelle Kaukasier besetzten die Schule. Über 1200 Menschen, darunter mehr als die Hälfte Kinder, sowie ihre Eltern und Lehrerinnen, wurden als Geiseln genommen. Essen und Trinken wurde ihnen verweigert. Die Terroristen wollten sie elendiglich verenden lassen. Einer nach dem anderen. Erbarmungslos.
Doppelstrategie scheiterte doppelt
Die russische Regierung wählte eine Doppelstrategie. Der Ministerpräsident
von Nordossetien, Dasachow, und sein ehemaliger Kollege aus Inguschetien,
Auschew, waren für die weiche Lösung verantwortlich. Sie sollten mit den
Geiselnehmern verhandeln. Dazu nahmen sie sogar Kontakt auf mit einem Teil der generell von Moskau diskreditierten tschetschenischen Befreiungskämpfern, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Maschadow, und versuchten diese als Vermittler einzuschalten. Die verschiedenen Geheimdienste waren für die Vorbereitung einer harten Lösung zuständig. Sie mussten den Sturm auf die Schule vorbereiten. Unter Schonung möglichst vieler Leben. Keine der beiden Strategien gelang. Aus bisher immer noch
ungeklärten Gründen kam es zwei Tage nach Beginn der Katastrophe zu einer Explosion. Eine wilde Schiesserei folgte, die Schule wurde nach mehreren Stunden gestürmt, über 330 Menschen starben, mehr als die Hälfte Kinder.
Terroristen erhoffen sich eine Eskalation der Gewalt
Drei Wochen später übernahm der brutalste Führer der Tschetschenen,
Bassayew, die Verantwortung für diese Tat. Sein ehemaliger Kollege,
Maschadow, hatte sich unmittelbar nach Beginn der Katastrophe von dieser
Aktion distanziert. Er wusste, wie sehr eine solche Untat jegliche
tschetschenische Absichten diskreditierte. Einige vermuten, Bassajew habe
die brutalst mögliche Taktik gewählt aus - Schwäche.
Denn die allermeisten Tschetschenen haben genug von jeglicher Gewalt. Sie
haben in den vergangenen Jahren mehr als ein Fünftel ihres Volkes in zwei
Kriegen und den nie endenden kriegerischen Auseinandersetzungen verloren.
Viele merkten, dass man mit Gewalt gegen einen der grössten Staaten der Welt nicht gewinnen kann, der eines im Überfluss besitzt: Gewaltmittel. Sie suchen nach anderen Auswegen. Solche sind nur im Bereich von Verhandlungen, Dialogversuchen und vertrauensbildenden Annäherungen zu finden. Das Gegenteil dessen, wovon brutale Krieger, die ihr relativ junges Leben lang nichts anderes als das Handwerk des Krieges gelernt haben, etwas verstehen.
Um dies zu verhindern, musste Bassajew erst recht zuschlagen. Denn er weiss, im Kaukasus wollen viele Männer ihre Toten rächen, vor allem Leid, das Kindern angetan wird, soll nicht ungesühnt bleiben. Und zwischen Nordosseten und Inguschiern gibt es traditionelle Aversionen. Bassajew hofft, dass in wenigen Tagen, wenn die Zeit der Trauer zu Ende geht, die Zeit der Rache beginnt und diese zu einem veritablen Kleinkrieg zwischen den beiden russischen Republiken eskaliert. Bereits haben sich inguschische Studenten
aus Angst von der Uni der nordossetischen Hauptstadt, Wladikawkas,
zurückgezogen. Und auch Inguschier, die nahe der Republikgrenze zu
Nordossetien wohnen, zogen weiter weg ins Landesinnere. Ob die verstärkten
russischen Grenzschutztruppen eine solche weitere Eskalation der Gewalt
verhindern können, ist äusserst fraglich. Der derzeitige ingusische
Republikpräsident, Zasikow, machte mir letzte Woche in Strassburg einen
äusserst nervösen, unruhigen Eindruck.
Entsetzen allein hilft nicht weiter
Als die unschuldigen Kinder in der Falle sassen und ihnen keiner helfen
konnte, war das Entsetzen in der ganzen Welt gross. Als alle das wirkliche
Ausmass der Tragödie erkannten, konnte es gar keiner mehr begreifen. Alle
fragten sich, wie es dazu hat kommen können. Alle wollten wissen, was jetzt
getan werden sollte. Die Titelseiten aller Blätter waren voll davon. Das
Telefon jener, die kürzlich in Tschetschenien waren, lief heiss. Alle, sogar
das Schweizer Fernsehen wollten Auskünfte.
Nur wenige getrauten sich mitten in der Gewaltorgie daran zu erinnern, dass
einzig der Dialog einen Ausweg bieten kann. Nur das Ernstnehmen derjenigen, die seit Jahren berechtigte Anliegen ohne terroristische Untaten vertraten, hilft, jene, die diese Untaten verantworten in ihren Kreisen zu isolieren und zu diskreditieren.
Viele lächelten ob so viel "Naivität". Nicht nur der Terroristen wegen.
Diese Leute trauten auch "den Russen" nichts Vernünftiges zu. Sie wandten
sich einfach indigniert ab. Tschetschenien, der Hintergrund von Beslan,
verschwand wieder aus ihren gierigen Blicken. Keine Schlagzeilen mehr. Nur
noch fünf Zeilen links unten auf Seite fünf.
Doch der Leiter der russischen Parlamentarierdelegation im Europarat,
Konstantin Kosaschew, war anders. Er beantwortete den Respekt, dem man ihm entgegenbrachte, mit dem Respekt für europäische Ideen der Konfliktlösung. Der Vorsitzende der aussenpolitischen Kommission in der Duma, war einverstanden mit dem Vorschlag, in Strassburg an einem Runden Tisch ganz verschiedene Menschen aus Tschetschenien und Moskau zusammenzubringen, sie miteinander das Gespräch und die Diskussion um die erfolgversprechendsten Möglichkeiten für eine Versöhnung in Tschetschenien finden zu lassen.
Nach einigen Diskussionen in Paris und Strassburg, in Kommissionen und im
Plenum, nahm die Parlamentarische Versammlung des Europarates diese Ideen vergangenen Donnerstag mit 90 gegen 1 Stimme, bei drei Enthaltungen an. So sehr einig war sich der Rat in Sachen Tschetscheinein noch nie gewesen. Doch das Echo in der Öffentlichkeit war klein: Nur die weltbeste aller Radiostationen, die BBC, rief an. Der Rest war schweigen.
Doch beirren lasse ich mich deswegen nicht. Denn wenn wir der Gewalt nicht
etwas anderes entgegenhalten, wird es zu immer neuer Gewalt kommen. Und zu neuem Entsetzen und zu neuen traurigen Schlagzeilen.
Andreas Gross
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