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13. Juni 2004
Sonntags-Blick
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SoBli-Umfrage: Fussball/Gesellschaft
Ein Sport erfüllt nicht in allen Gesellschaften die gleichen Funktionen. Der Fussball ist in der Schweiz im Vergleich zu Brasilien, Italien, Spanien, England und auch - in etwas geringerem Ausmass - Deutschland, ein Oberflächenphänomen. Er geht der Gesellschaft viel weniger unter die Haut und kann deshalb auch nicht so sehr das Verborgene spiegeln und Verborgenes zum Ausdruck bringen.
Der Hinweis auf Deutschland 1954 deutet auch auf ein zweites hin: Prekäre Gesellschaften können durch einen tief verwurzelten Sport eher kompensieren und auf sich zurückwirken als gesättigte, wohlständige. Die deutsche Gesellschaft war 1954 immer noch down, eher isoliert und geschunden und so erwies sich die WM als Elixier der Selbstläuterung - was freilich von aussen ganz anders gesehen wurde. Wir machten 1938 das Umgekehrte: Indem die Schweiz gegen Grossdeutschland 1938 gewann, konsolidierte und konstituierte sie ihren Selbstbehauptungswillen.
Wenn die Schweiz am Sonntag gegen Kroatien verliert, passiert gar nichts: Die meisten werden die Achseln zucken, sie haben es nicht anders erwartet; Kroatien ist traditionell eine starke Fussballmannschaft, auch eine hungrige Nation, die jung ist und nach Anerkennung dürstet, der Druck hinter ihr ist viel grösser als bei uns.
Wenn die Schweiz gewinnt, sind die meisten bei uns eher überrascht als beflügelt. Der allgemeine schweizerische Charakter wird darauf so reagieren, dass die meisten sagen: Schauen wir weiter und warten erst einmal ab, was sie gegen England schaffen, die eigentliche Herausforderung. Wenn die Schweiz wieder gewinnt, dann erst wird sich Staunen breit machen über sich selber und dann könnten einige beginnen, sich auch selber wieder etwas mehr von dem zuzutrauen, was sie selber gut können ... Doch so weit wird es wohl tatsächlich (noch) nicht kommen, weder im Fussball noch sonst.
Andreas Gross
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