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27. Juni 2004
Tages-Anzeiger
Tagebuch
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Ist die Fussball-EM tatsächlich die «letzte Manifestation des Nationalismus»?
Von Andreas Gross*
«Fussball ist Kommunikation», sagt FCB-Trainer Christian Gross und Nati-Trainer Köbi Kuhn stimmt ihm zu**. Je mehr die Spieler miteinander reden, desto häufiger würden sie einander den Ball zuspielen, meinen die beiden.
Mich interessiert nicht nur die Kommunikation innerhalb eines Teams, welche aus Einzelspielern erst eine Equipe formt. Ich frage mich immer wieder, was die Spieler mit den Kollegen der anderen Mannschaft reden, wenn sie einander nicht gerade treten, checken, bespucken oder am Leibchen zurückhalten.
Vor allem interessieren mich jene Spieler, die übers Jahr im gleichen Klub spielen, ab und zu in ihren Nationalteams aber einander gegenüberstehen. Was sagten beispielsweise die beiden Ajax Amsterdam-Kollegen Zdenek Grygera und Rafael van der Vaart einander als sie miteinander im Spiel Holland gegen Tschechien für einen Höhepunkt der bisherigen EM sorgten? Oder der portugiesische Real-Madrid-Star Luis Figo, als ihm seine spanischen Teamkollege Raul im Weg stand? Oder Frankreichs Fügelflitzer Henry, wenn ihm sein Teamkollege von Arsenal, Sol Campbell, den Weg zum Tor verbaut?
Einen kleinen Hinweis gaben uns die fast zärtlichen Streicheleinheiten, mit denen Frankreichs Superkünstler Zidane seinen britischen Real-Kollegen und Popstar Beckham tröstete, nachdem er mit zwei Toren in den letzten drei Minuten die Engländer zu Verlierern gemacht hatte. Teamkollegen müssen einander viel besser verstehen und wohl auch schätzen, als wir uns dies vorstellen. Frankreichs Torhüter Fabien Barthez, heute in Marseille tätig, wusste davon zu profitieren, als er Beckhams Elfmeter abzuwehren verstand - schliesslich hatten die beiden vier Jahre lang zusammen bei Manchester United gespielt und sich in- und auswendig kennen gelernt, was Englands Coach Eriksson in der Hitze Portugals verschwitzt haben muss.
Diese transnationale Kommunikation unter Teamkollegen interessiert mich deswegen, weil deren Kenntnis uns der Antwort auf die Frage näher bringen könnte, ob der Fussball tatsächlich «die letzte Manifestation des Nationalismus, manchmal sogar des Nationalistischen» ist, wie dies der Zürcher Schriftsteller und Portugal-Spezialist Hugo Loetscher kürzlich behauptet hat.
Vor einigen Jahren habe ich aus einer ähnlichen Überlegung heraus gesagt, ich würde den Europacup oder die Champions-League einer Europa- oder Weltmeisterschaft vorziehen. Denn in Clubs wie Arsenal, Manchester, Barcelona, Milan, Real oder Chelsea spielen längst mehr Ausländer als Einheimische und wenn die Tifosi von Mailand sich mit ihren holländischen Stars identifizieren oder diejenigen Reals mit den Franzosen oder Engländern dann unterläuft dies doch das in der Politik so gefährliche nationale Denken. Heute soll Arsenal Londons Topstürmer Thierry Henry so geschätzt sein, dass er nach General Charles de Gaulle nicht nur der in Grossbritannien beliebteste Franzose aller Zeiten ist, sondern zusammen mit seinem elsässischen Trainer Arsene Wenger und seinen französischen Teamkollegen Viera und Wiltord soll er auch die Beziehung zwischen den in den letzten Jahrhunderten immer mal wieder verfeindeten europäischen Grossmächten nachdrücklich verändern und verbessert haben. Viele Engländer würden heute angesichts der Performance dieser Franzosen in London Frankreich viel freundlicher begegnen, heisst es in London.
Selbstverständlich gibt es immer wieder einzelne rhetorische Exzesse. So wenn beispielsweise Portugals brasilianischer Trainer Scolari öffentlich sagt, der Sport sei "Krieg" und ein Spiel "der Kampf um Leben oder Tod". Doch der dachte auch so, als er mit Brasilien Weltmeister geworden war. Sein Problem ist also nicht der Nationalismus, sondern die existenzielle Überhöhung von Sport und Spiel. Für ihn ist der Fussball so sehr alles und das ganz grosse Andere so sehr nichts, dass er das Wesentliche nicht mehr vom zweitwichtigsten unterscheiden vermag. Je weniger sich die Menschen im Leben entfalten und wirklich sich selber werden können, umso eher müssen sie über die Identifikation mit dem Erfolg derjenigen kompensieren, zu denen sie sich zugehörig fühlen. Dies kann die Dorfmannschaft in der 2.Liga, Villmergen, Aarau, Inter, Real oder eben Italien oder England sein.
Für diesen Widerspruch zu Loetschers These, die vielen auf den ersten Blick so einleuchtend erscheinen mag, gibt es sogar plausible Hinweise aus dem sichtbar gewordenen Umfeld der EM. So hat ein britischer Journalist gezeigt, dass mittlerweile und im Unterschied noch zu vor 20 Jahren ein Match Deutschland gegen die Niederlande nicht mehr als Fortsetzung des zweiten Weltkrieges mit anderen Mitteln empfunden wird, sondern als ein klassisches Spiel zweier alter Rivalen, vergleichbar mit dem, was auf dem Brügglifeld los ist, wenn Aarau gegen Baden spielt oder Basel-Zürich im Joggeli ansteht.
Der Unterschied liegt darin, dass nach einem Krieg der andere nicht mehr existiert, während alte Rivalen einander auch schätzen, weil sie sich bewusst sind, dass es den anderen braucht, und er erst noch gut sein muss, wenn es ein tolles Spiel und ein gemeinsamer Spass werden soll. So hat denn eine junge Frau in einem Amsterdamer Gran Café einem TV-Reporter gestanden, sie freue sich zwar riesig über den Erfolg der Niederländer, sei aber über das Ausscheiden der Deutschen doch auch etwas traurig, denn sie habe auch die deutschen Fussballer während der samstäglichen Bundesliga-Reportagen schätzen gelernt. Ich vermute, den transnational spielenden Figo, Zidane,van Nistelrooy oder Nedved geht es ähnlich.
* Andreas Gross (52), Zürcher SP-Nationalrat und Politikwissenschafter, verfolgte zwischen 1965 und 1972 fast jeden Match des FC Basel und setzt sich seither immer wieder mit der Frage auseinander, inwiefern der Spitzensport Ausdruck, Ursache oder Folge gesellschaftlicher Eigenheiten und Probleme ist.
**Die Zitate von Christian Gross, Köbi Kuhn und Hugo Loetscher stammen alle aus dem "anderen Fussballbuch" von Andreas Schiendorfer und Felix Reidhaar "Am Ball - im Bild", das dieses Frühjahr im Verlag der NZZ in Zürich erschienen ist.
Andreas Gross
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