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02. Juli 2004
Neue Zürcher Zeitung
Nr. 151
Seite 56
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Buchbesprechung
Am Ball - im Bild
Wer gegenwärtig eine Buchhandlung betritt, trifft bald nach dem Eingang auf eine Auslage mit zehn bis zwanzig Büchern rund um das Thema, das derzeit viele unter uns beschäftigt: Fussball im Allgemeinen, die EM im Besonderen. In den Publikationen wird versucht, was seit bald 100 Jahren immer wieder Autorinnen und Autoren zu besonderen Anstrengungen ermuntert hat: den Fussball zu Papier zu bringen, dort das Phänomen zu vertiefen oder sogar zu erklären, das so viele Menschen so oft so sehr fasziniert und Hunderttausende zu ganzen Völkerwanderungen über Tausende von Kilometern veranlasst hat.
Gelungen ist dies in allen Sprachen und Fussball-Kulturen freilich nur ganz wenigen Autoren, beide Hände reichen fast zu deren Aufzählung. Zu erinnern ist beispielsweise an Sammy Drechslers «Elf Freunde müsst ihr sein» aus den sechziger Jahren, an Eduardo Galeanos «Der Ball ist rund, und Tore lauern überall» aus den Achtzigern, an Nick Hornby's Fussball-Pop-Kultbücher aus den neunziger Jahren und etwa an den Norditaliener Ugo Riccarelli und dessen Buch «Fausto Coppis Engel».
Der Buchverlag der NZZ macht nun mit «Am Ball - im Bild» von sich reden. Mit einer Publikation, die ein «anderes Fussballbuch» sein will. Anlass scheint das nicht nur aus portugiesischer, sondern auch aus schweizerischer Sicht besondere Fussballjahr 2004 zu sein, in dem erstmals in der Geschichte drei Auswahlteams des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) an den Endrunden von drei Europameisterschaften teilnehmen dürfen: die im Mai durchgeführte U-21-EM in Deutschland, die gegenwärtig in Portugal stattfindende EM der «Grossen», und die noch diesen Monat hierzulande beginnende EM der noch nicht 19-jährigen Fussballer. Mit ihr soll den Schweizer Fussballern, die sich 2002 in Dänemark als 17-Jährige ebenso überraschend wie überzeugend durchzusetzen verstanden, die Reverenz erwiesen werden.
Herausgegeben haben mit «Am Ball - im Bild» der Credit-Suisse-Redaktor Andreas Schiendorfer und der NZZ-Sportchef Felix Reidhaar einen nicht so sehr anderen Sammelband, zu dem nicht weniger als drei Dutzend Autoren und Interviewte beigetragen haben, als ein Sammelsurium, um mit den Worten des früheren Nationalspielers und Psychologen Bizzini zu sprechen, als das er die Welt des Spitzensports mit all ihren pseudoreligiösen Symbolen und Kultformen zur Identifikation der Fans mit Hoffnungen, Träumen und Helden erklärt.
Selbstverständlich gibt es im etwas GC- und Credit-Suisse-lastigen und auf die Ostschweiz konzentrierten Band einige besonders traumhafte Pässe. So die Interviews des TV-Dokumentaristen Paul Riniker mit Köbi Kuhn und Jörg Stiel, der reflektiert (Zitat): «Ich glaube, meine wichtigste Qualität ist, dass ich das Spiel lesen kann.» Und «Der Ball kommt zu mir». So auch die Erfahrungen der Zürcherin Kathrin Lehmann, der einzigen Frau, die bisher in der deutschen Fussball- und Eishockey-Bundesliga je ein Tor geschossen hat, zudem der Vergleich der beiden so unterschiedlichen Kultfiguren des FC Basel, Odermatt und Ceccaroni, Beatrice Schlags Schaustellungen und Marianne Meiers Geschichten über die in den zwanziger Jahren betrogenen Pionierinnen des Frauen-Fussballs, die Leidensgeschichte des Lazio- und Chelsea-Stars Matteo aus Schaffhausen, die Schweizergeschichte des Alemannen Ottmar Hitzfeld, die erahnen lässt, weshalb er nun dem DFB eine Absage erteilt hat, oder Trouvaillen wie die «Länderspiele» des «enklasiven» FC Büsingen (Schaffhausen/Deutschland), der jahrelang mit einem Nussbaum im Strafraum spielte, die SC-Brühl-Identität des St. Galler Polizeihauptmanns und Flüchtlingsretters Paul Grüninger, die Darstellung der Nachwuchsarbeit der SFV-Trainer Frei und Hasler oder die lebhafte Erinnerung, dass die Schweiz als Finalist des Olympia-Fussballturniers 1924 inoffiziell Fussball-Europameister geworden ist.
Doch fehlt dem Buch, fussballerisch gesagt, die Tiefe, die überraschenden Steilpässe, welche das Spiel öffnen und den Gegner überraschen können; zu viele versuchen es zu unbeholfen, halten den Ball zu flach - weniger und dies mit mehr Auslauf und im Original (so beispielsweise Hugo Loetschers Hinweis auf den im und durch den Sport wachsenden Nationalismus) wäre mehr gewesen. Wenn schon vor allem Zürich und die Ostschweiz fokussiert werden, hätte zumindest der Stadtklub FC Zürich nicht übergangen werden dürfen; Sympathien schafft sich ein Sponsor nicht, wenn er vor allem sich selber reflektiert und andere ignoriert, die ebenso zu seinem Erfolg beitragen.
Andreas Gross
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