03. Feb. 2010

NZZ Online

Nicht richtig zugehört in der Minarett-Debatte


Diskussion in Bern über die Rolle der Journalisten. Welche Lehren ziehen die Medien aus dem Ja zur Minarett-Initiative? Sie wollen wiedermehr zuhören, was die Leute sagen. Aber wie? Das blieb im Q-Club des Vereins Qualität im Journalismus offen, der am Dienstag in Bern eine Diskussion durchführte.

Roger Blum

Die Kritik von SP-Nationalrat Andreas Gross war fundamental: Die Abstimmung über die Minarett-Initiative habe einen GAU der schweizerischen öffentlichen Kommunikation offenbart. In den Medien der Westschweiz sei unter Politikern und Journalisten lebhaft diskutiert worden. In der Deutschschweiz sei hingegen der Diskurs zu kurz gekommen. Die Medien hätten beispielsweise die Parlamentsdebatte über die Gültigkeit der Initiative kaum gespiegelt, weil sie sie für zu abstrakt und zu trocken hielten, dafür hätten sie dann süffig über das Plakat der Befürworter berichtet.

Nur wenn die Medien auch Fragen der Institutionen und des Verhältnisses von Menschenrechten und Demokratie vertieft behandelten, könne die Bevölkerung sensibilisiert werden, sagte Gross weiter. Es herrsche ein Mangel an politischer Aufklärung, derweil wollten die Medien die Parteien ersetzen und ihre eigene Wirklichkeit herstellen. Die Medienschaffenden gingen nicht mehr an die Veranstaltungen, dorthin, wo man spürt, was die Leute umtreibt.

Dem widersprach Rudolf Matter, Chefredaktor von Schweizer Radio DRS. Das Radio habe durchaus über Veranstaltungen im Vorfeld der Minarett-Abstimmung berichtet, und da sei deutlich geworden, wie viel Zulauf die Initiative habe. Aber: «Wir haben nicht richtig zugehört», sagte Matter. Man habe die Initiative als Baurechtsvorlage behandelt und nicht gemerkt, dass eine Integrationsdebatte geführt wurde
(Wie wenn man nicht dutzendfach genau davor gewarnt hätte; wie wenn im Vorfeld der Initiative nicht sogar Bücher zu genau diesem Thema veröffentlicht worden wären - der Setzer).

Auf die drängenden Fragen der Gesprächleiterin und Medienprofessorin Marlis Prinzing, welche Konsequenzen denn nun die Redaktionen aus diesem Versagen ihrer seismographischen Funktion ziehen würden, hatten die anwesenden Journalisten wenig vorzuschlagen. Man diskutiere, sagte Rudolf Matter, aber die gleiche Situation wiederhole sich kaum
(ja, ja - und schon wieder nicht zugehört: Bestimmt wird nie mehr einer Volksinitiative eine staatsrechtliche Debatte vorausgehen müssen; bestimmt wird die SVP nie mehr eine Initiative vorschieben, um die Ressentiments ihrer Klientel zu bedienen. In welcher Schweiz leben und arbeiten Journalisten, die derart diffizile und spannende Themen verschlafen? Der nächste GAU scheint programmiert ... - der Setzer).

Man plane nicht strategisch, bekannte Markus Somm, stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche. Entscheidend seien die jeweils guten Ideen aus der Mitte seiner Redaktion. Die Weltwoche habe das Thema der Minarettinitiative ohnehin nicht besonders hoch gehängt, sei aber praktisch das einzige Blatt gewesen, das das Anliegen positiv kommentiert habe. Das Wochenmagazin sei oft allein, wenn es Themen aufgreife, die den Linksintellektuellen gegen den Strich gehen. In den achtziger Jahren habe der Tages-Anzeiger eine gute Nase für aufkommende Themen gehabt, jetzt nicht mehr.


Kontakt mit Andreas Gross



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