15. Nov. 2009

E-Mail: Subject: Kontext-Sendung vom Freitag


Hören Sie die dem Briefwechsel zugrunde liegende Kontext-Sendung zur Waffen­export-Initiative.

Nur wenig ist eindeutig


Hallo Herr Gross

In dieser Kontext-Sendung wurden Sie offenbar etwas überrumpelt vom Rückgriff des Moderators auf den 2. Weltkrieg. Ich nehme nicht an, dass Sie einige Aussagen bei längerer Überlegungszeit ebenso gemacht hätten. Als gelernter Historiker hab ich mich etwas mit dieser Materie befasst:

1) Es lässt sich vor Jüdinnen und Juden wohl kaum rechtfertigen, dass die Abweisungen ZU TAUSENDEN in den Tod gewissermassen notwendig waren, um das eigene Leben der Schweizer zu retten. Es wurde nach meinem Kenntnisstand von den Deutschen nie eine Retorsions-Drohung ausgesprochen wegen derjenigen jüdischen Flüchtlinge, die in der Schweiz aufgenommen wurden. Im übrigen lässt sich die Situation denn doch nicht mit einer Selbstverteidigungs-Situation vergleichen, wo einem gewissermassen der Pistolenlauf an der Schläfe sitzt. Bei allem Respekt vor dem natürlich klar bestehenden äusseren Druck hatte man vergleichsweise doch noch gösseren Handlungs-Spielraum, weil nämlich auch damals klar war, dass die Deutschen ehrgeizigere Ziele verfolgten als die kleine Schweiz zu besetzen.

2) Alles andere als eindeutig ist auch Ihre Annahme, die Schweiz hätte sich unter blutigen Opfern bis zum letzten verteidigt. Die Demobilisierung von einem Drittel bis zur Hälfte der Armee unmittelbar nach der Besetzung Frankreichs sowie der Rückzug ins Reduit sehen nun wirklich eher wie teilweise Kapitualtions-Gesten aus. Die Deutschen machten sich nachweislich lustig darüber, die Schweizer Armee verteidige jetzt vor allem Eis und Gämsen ...

Auch die öffentliche Einschätzung Guisans unmittelbar nach der Besetzung Frankreichs (mit der er den Demobilisierungs-Schritt rechtfertigte), es bestehe jetzt strategisch fast keine Gefahr mehr, war doch angesichts der damals klar bekannten völligen Unberechenbarkeit Hitlers eine offensichtliche Lüge, in Tat und Wahrheit war die Demobilisierung wie gesagt eine teilweise Kapitulation (sie sollte jedenfalls Hitler nicht zu einem Angriff provozieren, was man anderseits natürlich angesichts der verschonten Menschenleben auch als positiv sehen kann).

Freundliche Grüsse
F.P.

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Sehr geehrter Herr P.

Ich war höchstens überrascht, keineswegs überrumpelt und meine Überlegungen und Aussagen beruhen durchaus auf nunmehr 30 jähriger Auseinandersetzung mit dem Thema; ich bin schliesslich auch Historiker mit einem kompletten Geschichtsstudium; Sie können also davon ausgehen, dass ich mich auch mit der Sache befasst habe:

1. Die Geschichte lässt sich kaum je rechtfertigen, höchstens erklären und es gilt, wie ich betont habe, zu den eigenen Schwächen und zum im Rückblick klar unzureichenden Verhalten zu stehen. Sie machen aber den grossen Fehler, den wir alle und vor allem wir Historiker vermeiden müssen, nämlich den Zeitgenossen das zu unterstellen, was wir heute wissen. So können wir ihnen nicht gerecht werden. -- Die Situation stellte sich für die Zeitgenossen durchaus als Selbstverteidigungssituation dar. Sie fühlten sich total bedroht und dafür gibt es mehr als plausible Argumente.

2. Eindeutig ist wenig, gewiss. Doch vieles deutet darauf hin, dass es zu langen und verlustreichen Gefechten und Gemetzeln gekommen wäre. Gewiss gibt es die Kapitulationshinweise, es gibt und gab jedoch auch die anderen. Ich bleibe mit Dürrenmatt bei der These, dass im Kriegsfall die Zahl der toten SchweizerInnen zumindest in Hundertausenden zu zählen gewesen wären und die Vermeidung dessen Unmoralität zuliess - allerdings immer unter der Bedingung, dass man sie sich im nachhinein dann auch eingesteht.

Mit ebenso freundlichen Grüssen
Andi Gross


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