Ende Mai 2009

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Britische Zustände? – Oder:
Jedes politische Engagement in Europa
soll diskreditiert werden



Ein Face-Book-Dialog:

Sehr geehrter Herr Gross

Sie sind gestern Bestandteil einer Schlagzeile in Twitter gewesen, bei dem es darum ging, dass auch Schweizer Politiker pro Kopf und Jahr CHF 250'000.- an Reisespesen abrechnen.

Ich halte mich auch nicht für so schlecht qualifiziert, habe aber in den letzten zehn Jahren nicht so viel verdient. Verstehen Sie, dass man sich dann diesbezüglich Fragen stellt - können Sie dazu Stellung nehmen, ob der oben beschriebene Fakt wirklich zutrifft oder ob das nur SVP-Propaganda ist?

Vielen Dank für eine gelegentliche Antwort (es ist in meinem Fall rein persönliches Interesse - ich bin in keiner Partei).

Herzliche Grüsse aus dem Zürcher Oberland
U.M.

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Lieber Herr M.

Infame Lügen werden nicht wahrer, auch wenn sie alle Jahre wiederholt oder recycelt werden. Es beginnt bei der Sprache: Es geht hier nicht um Spesen, sondern die Kosten, die die Delegation in den Europarat und die dortige Arbeit an Lohn (400 Franken pro Tag), Hotel und Essenspesen (420 Franken pro Tag), Zug-,Flug und Autoreisekosten und kleinere Spesen wie Taxi etc. für das Schweizer Parlament mit sich bringen.

In den vier Jahren von 1998 bis 2001 waren dies alles inklusive in meinem Fall CHF 290‘000; 2008 waren es CHF 169'000, wobei ich seit Januar 2008 SP-Fraktionspräsident bin und somit in der Leitung des Europarates und noch mehr an Sitzungen gehen muss. Dieser Betrag setzt sich aus CHF 60‘000 Lohn, CHF 50‘000 Hotel- und Essensentschädigung, CHF 50'000 Flug/Zug/Autoreisekosten und CHF 9‘000 Spesen zusammen.

Wenn ich nun mein Auto reparieren lasse, zahle ich dem Mechaniker CHF 120 pro Stunde, komme aber selber in einem 17-Stunden-Tag ebenfalls qualifizierter Arbeit auf etwa 600 Franken pro Tag!

Wer unter diesen Umständen solche Spesenlügen in die Welt setzt, der will einfach jedes politische Engagement in Europa und für Europa diskreditieren und ebenso jede radikaldemokratische soziale Politik, wie ich sie vertrete und mit der ich der SVP schon viel auf die Zehen getrampt bin, schlecht machen. Beides ist für die Schweiz katastrophal und zeigt die Prioritäten jener, die weiterhin glauben, die Wirtschaft solle das Sagen haben und das Ende der Demokratie sei nicht aufzuhalten.

Ich danke Ihnen, dass Sie mich ganz offen gefragt haben und grüsse herzlich
Andi Gross

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Vielen Dank - und Entschuldigung, sooo genau wollte ich es ja gar nicht wissen, aber ich finde es ausgesprochen freundlich von Ihnen, mir derart ausführlich zu antworten.

Möglicherweise sollten Sie dies nicht nur mir so einleuchtend erklären, sondern ich könnte mir vorstellen, dass viele Leute diese Umstände wie ich nicht so genau kennen und Sie sich wehren könnten.

Auf jeden Fall habe ich mich ausserordentlich über Ihre Antwort gefreut und ich freue mich, dass man dank diesen sozialen Netzwerken über Unklarheiten gleich bei der richtigen Stelle ins Bild gesetzt wird. Ich wünsche Ihnen ein sehr schönes Wochenende und weiterhin viel Freude an Ihrer engagierten Tätigkeit.

Mit freundlichen Grüssen
U.M.

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Lieber Herr M.

Ebenso herzlichen Dank. Sie dürfen gerne von diesen Infos durchaus auch gegenüber anderen Zweiflern Gebrauch machen. Ich überlege mir auch, wie ich dies noch besser öffentlich machen kann. Der Weltwoche-Engeler hat ja daran kein grosses Interesse, im Gegenteil ...

Auch Ihnen alles Gute
Andi Gross

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Zweifler ist möglicherweise nicht ganz der korrekte Ausdruck - der neutrale und unbedarfte Leser hat ganz einfach nur diese Information erhalten.

Weil wir beide aber sehr gut wissen, wie Stammtischgespräche verlaufen, wenn nur einseitige Informationen vorliegen, sollte man öfters einmal hinterfragen - es gibt ja nicht nur Schwarz und Weiss.

Immerhin glaube ich daran, dass Facebook und ähnliche Netzwerke vielleicht ein bisschen mehr Transparenz schaffen können als von der einen oder anderen Seite finanzierte Medien. Noch einmal: Mich hat in dieser Sache ausschliesslich die Wahrheit interessiert - politische Intelligenz beinhaltet stets auch die Achtung vor dem Andersdenkenden (deshalb bin ich ein Anhänger der Konkordanz, in der man mit Stil und Anstand streitet).

Herzliche Grüsse nach Saint-Ursanne
U.M.


Kontakt mit Andreas Gross



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