8. März 2009

Sonntags-Zeitung

Für einen anderen Fussball


Der SP-Politiker Andreas Gross über die Ideen der Fifa –
und wie wichtig ihm die Solidarität im Fussball ist.


Andreas Gross, die Fifa will mit einer 6 + 5 - Regel die Nationalteams und die nationale Identität der Klubs stärken. Macht das für den Fuss­ball­fan Sinn?

Ich denke schon. Bekommen junge Spieler aus der eigenen Region oder dem eigenen Land bessere Chancen, an der Spitze spielen zu können, werden die Klubs ermutigt, in die Ausbildung zu investieren. Die Zu­schau­er können länger ihre eigenen Talente spielen sehen – gerade in Afrika, in Süd- und Lateinamerika.

Die Fifa-Rechtsgutachter reden in diesem Zusammenhang von einem «Menschenhandel».

Das ist ein Aspekt, der unterschätzt wird. Der riesige Handel mit Fuss­bal­lern, die nach Europa kommen, tut den Betroffenen nicht nur gut. Er entspringt rücksichtsloser Geschäftemacherei.

Was sagt der Politiker Gross zur Idee der Fifa?

Dass sich Menschen heute im Europa der 27 sowie in Norwegen, Island und bald der Schweiz total frei bewegen können, ist eine ungeheure zi­vi­li­satorische Errungenschaft der europäischen Integration. Deshalb ver­ste­he ich das EU-Recht, nach dem kein Arbeiter irgendwo diskrimi­niert wer­den darf. Aber vielleicht ist der Fussball eben nicht bloss ein Geschäft und eine Arbeit wie irgendeine andere. Wenn die verantwortlichen Per­so­nen beweisen können, dass er viel mit Kunst, mit Kultur, mit Sport im allgemeinen Sinn gemein hat, dann wären Ausnahmeregeln wie dieses 6+5 möglich, sinnvoll und sogar gerechtfertigt.

Befürchten Sie nicht, dass damit der Nationalismus gestärkt würde?

Diese Regel entspringt nicht nationalistischer Motivation, sondern hat mit den spezifischen Eigenheiten des Fussballs zu tun: Wer mit 19 ein Star ist, wurde jahrelang kostenintensiv ausgebildet. Wer das Talent dazu nicht hat, soll sich dennoch entfalten dürfen. Und wer Pech hat, wird früh zum Sportinvaliden. Wenn deshalb die Fussballverbände in Bezug aufs Geld mehr als nur den üblichen Markt spielen lassen; wenn sie dafür an eine gewisse Umverteilung denken; und wenn sie die Klubs, die in unte­ren Ligen die Ausbildungsarbeit leisten, mehr würdigen und unter­stüt­zen, als dies im allgemein üblichen Arbeitsmarkt die Regel ist – dann dürfen sie auch rechtliche Ausnahmen verlangen.

Wie sehen Sie die Chancen, dass die EU-Kommission dem Ansinnen der Fifa zustimmt?

Das hängt ganz von der Glaubwürdigkeit der Anstrengungen ab, von denen ich eben gesprochen habe und von deren Verankerung in der Gesellschaft. Von fussballverantwortlicher Seite könnte man auch noch viel mehr tun, um in ärmlichen Gegenden Süd-, Mittel- und Osteuropas bis weit nach Russland oder in den Kaukasus hinein zu helfen. Da fehlt es an allem: an anständigen Rasenplätzen, an Duschen und Kabinen. Das liesse sich mit einer Umsatzsteuer finanzieren.

Was soll besteuert werden?

Die Einkommen aus der Champions League, die Transfers ab 1 Million Euro, die Einnahmen aus dem Verkauf von TV-Rechten. Mir geht es dabei eben immer um eines: um die Solidarität der Starken mit den Schwachen.

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Nachstehend der Artikel, der die Grundlage für obiges Gespräch bildete:


Die Fifa will mit der 6+5-Regel die Nationalteams und die nationale Identität der Klubs stärken

Von Thomas Schifferle

Zürich. Am Anfang war die Kritik. Es hiess: die Fifa sei verrückt, sie sei gegen EU-Recht chancenlos, wenn sie den Einsatz von ausländischen Spielern begrenzen wolle. Klubs wie Barcelona und Bayern München zeigten sich sehr skeptisch. Arsène Wenger konnte sich schon gar nicht vorstellen, bei Arsenal sechs Engländer aufzubieten: Inzwischen kommen 92 Prozent seiner Spieler aus dem Ausland. Europaweit ist das der Höchstwert.

Die Fifa-Regierung, angeführt von Präsident Sepp Blatter, hat das nie von ihrer Überzeugung abgebracht, sie hat Politiker und Sportverbände bearbeitet, das IOK hinter sich gebracht und Etappenziele erreicht. Der Kongress der Fifa stellte sich letzten Mai in Sydney mit 155:5 Stimmen hinter das 6+5-Projekt. Die Sportminister der EU äusserten dann im November den Wunsch, dass die entsprechenden Gespräche fortgeführt würden. Für Jérôme Champagne, bei der Fifa für internationale Beziehungen zuständig, war das ein «wichtiger Wendepunkt».

Nun liegt seit zehn Tagen vom internationalen Politikinstitut Inea ein Rechtsgutachten vor, das die Fifa selbst in Auftrag gab und jetzt in ihrem Tun bestärkt. Das Gutachten, von fünf Rechtsexperten verfasst, kommt zum Schluss: «Die 6+5-Regel ist mit europäischem Recht vereinbar.»

Capellos Klage: «Wie soll ich das Nationalteam stärken?»

Die Regel soll durch den verstärkten Einsatz einheimischer Spieler die Anliegen der Nationalmannschaften schützen, sie soll die nationale Identität der Klubs ebenso fördern wie die Ausbildung des Nachwuchses. So sagt das Champagne und zitiert dazu gerne Englands Nationalcoach Fabio Capello. Der beklagt sich: «Wie soll ich das Nationalteam stärken, wenn ich nur auf 30 Prozent der Spieler in der Premier League zurückgreifen kann?»

Mit dem Bosman-Urteil, 1995 vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg gefällt, war die totale Freizügigkeit im europäischen Sport verbunden. Es hat gerade den Fussball verändert wie kaum etwas sonst. Oder wie es Wolfgang Niersbach, der Generalsekretär des Deutschen Fussball-Bundes, noch heute verärgert kommentiert: «Es hat ein Supersystem zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern kaputt gemacht.» Die Spieler sehen das anders, sie haben auch von der vollständigen Öffnung des Marktes finanziell profitiert.

Da mag erstaunen, dass die internationale Spielergewerkschaft Fifpro mit rund 60 000 Mitgliedern die Fifa-Pläne gutheisst. Und dass Lucien Valloni sagt: «Grundsätzlich habe ich damit kein Problem.» Der Zürcher Anwalt präsidiert die Swiss Football Player Association, der 450 Profispieler angehören. Allerdings stellt er sich auch Fragen. Zum Beispiel rechtliche: ob das 6+5 keine Diskriminierung von Ausländern sei, ob damit nicht der Nationalismus gefördert werde. Oder sportliche: ob Schweizer weiterhin so leicht in stärkere ausländische Ligen wechseln und sich da zum Wohl des Nationalteams weiterbilden könnten.

Keine Revolution in der Schweiz, aber in England

Für die Super League würde die Blatter-Regel «keine Revolution» bedeuten, mutmasst Hansruedi Hasler als Technischer Direktor des Verbandes. So intensiv wie Sion, das zuweilen nur zwei Schweizern vertraut, stützt sich kein Klub auf Ausländer ab. «Wenn es heisst, die Jungen sollen gefördert werden, ist das ja gut», sagt Basels Chefscout Ruedi Zbinden, «aber in der Schweiz bilden wir schon gut aus.»

Hasler stört es nicht, dass sich Junge im Ausland fortbilden wollen, wenn sie wie Senderos und Djourou das bei Arsenal tun dürfen. Was ihn hin­ge­gen befremdet, sind die Wechsel in ausbildungsschwächere untere Ligen in Italien oder Deutschland. Deshalb ist sein Anliegen klar formuliert: «Wir müssen die Gefrässigkeit des Auslandes eindämmen.»

Um diesen Punkt geht es auch der Fifa, wenn Champagne von der «Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit» spricht. Die Dominanz der englischen Vereine in der Champions League steht in direktem Zusammenhang mit der Qualität ihrer ausländischen Arbeitskräfte: Chelsea (4), Manchester United (4), Liverpool (2) und Arsenal (0) bauten in den ersten Achtelfinals der Champions League nur auf 10 Engländer.

Prominente Befürworter und wichtiges Treffen mit der EU

Es gibt gleichwohl auch in England prominente Befürworter des 6+5. Bei Manchester United sagt Alex Ferguson: «Es sollte zu denken geben, wenn lokale und nationale Spieler keine Chance mehr bekommen.» In Frankreich sprechen sich 71 Prozent der Profiklubs für die neue Regelung aus. In Italien seien die Vereine «total dafür», weiss Fifa-Funktionär Champagne - kaum zur Freude von Inter, dessen Kader zu 85 Prozent ausländisch besetzt ist. Aus Deutschland meldet DFB-General­sekretär Niersbach: «Wir sind absolut dafür. Das kann sehr, sehr viel helfen und zumindest etwas zur Beruhigung des überhitzten Transfer­mark­tes beitragen.» Die Klubs der 1. und 2. Bundesliga investieren rund 60 Millionen Euro in ihre Nachwuchs-Leistungszentren. Was Niersbach sagen lässt: Wenn die Jungen bessere Perspektiven sähen, lohne sich dieser finanzielle Aufwand auch.

Die Rechtsprofessoren der Inea schreiben: Sie hofften, mit ihrem Gutachten «endlich jene Klarheit zu schaffen, die international dringend notwendig ist». Niersbach entgegnet: «Mir fehlt das Vertrauen in die EU. Es lassen sich sicher ein paar Juristen finden, die diese Regel zur wichtigsten Sache in Europa machen und alles in die Länge ziehen.»

Jérôme Champagne ist diplomatisch genug geschult, um zu wissen, wie sorgfältig die Wortwahl sein muss. Am 17. März treffen sich die Sport­verbände, angeführt von Fifa und IOK, in Brüssel mit José Manuel Barroso, dem Präsidenten der Europäischen Kommission. Champagne sagt: «Diese Sitzung ist sehr wichtig.»


Kontakt mit Andreas Gross



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