8. Jan. 2008

Aargauer Zeitung
Mittellandzeitung

Der Schweiz fehlt die Konfliktkultur!


Integration durch fruchtbar gemachte Konflikte

Von Andreas Gross

Andreas Gross ist Politikwissenschafter, Nationalrat (Zürich), Vorsitzender der SP-Fraktion in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Strassburg und leitet das Atelier für Direkte Demokratie in St-Ursanne (JU).



Von einem guten Unternehmer können wir lernen, dass er seine Stärken kennt – Kernkompetenz heisst dies im Businessjargon - , dass er sie pflegt und immer wieder Zeit (Weiterbildung) und Kapital so investiert, dass er seine Stärken ständig weiterentwickelt, vertieft und so bewahrt.

In der gegenwärtigen politischen Schweiz habe ich aber den Eindruck, dass viele Verantwortliche die politischen Stärken der Schweiz gar nicht kennen. Sei es, dass diese sie stören, weil sie unbequem und anstrengend sind: Denn es können auch vermeintlich Starke in der schweizerischen Direkten Demokratie nicht einfach befehlen; auch die Starken müssen immer wieder möglichst Viele von ihren Anliegen überzeugen. Sei es, dass sie die Wirklichkeiten in anderen Ländern nicht kennen, weil das Eigene sich erst im Vergleich zum anderen wirklich erschliesst. Oder sei es, dass sie sich nie mit der geschichtlichen Vergangenheit echt auseinandergesetzt haben, weil bekanntlich die Gegenwart nur kennt, wer weiss wie sie geworden ist.

Wer ein bisschen nachfragt, wird schnell merken, dass diejenigen, die sich der politischen Stärken der Schweiz nicht bewusst sind, diese in der Vorvergangenheit, also in der vormodernen alten Eidgenossenschaft suchen. Doch dort sind zwar einige Mythen zu finden aber nicht die Grundlagen unserer Stärken. Diese sind alle erst nach der Befreiung der alten Eidgenossenschaft durch die eigenen und fremden Kinder der Französischen Revolution gelegt worden und führten in der ersten Bundesverfassung von 1848 zu einem ersten Glanzlicht. Aus dieser Zeit stammen verschiedene Schlüsselbegriffe, beispielsweise die sogenannte Willensnation, ein Begriff, der einigen vielleicht noch bekannt ist, doch weshalb er wichtig ist, was er bedeutet und vor allem begründet – vergessen, wenn überhaupt je wirklich bewusst.

Wenn wir unsere politischen Stärken nicht kennen, dann verkümmern sie, weil wir nicht wissen, wo wir auch politisch investieren müssen. Auch können wir sie nicht weiterentwickeln, à jour halten, und so auch Jüngeren und Zugewanderten nicht zeitgemäss vermitteln. Schliesslich können wir auch Anderen unsere Erfahrungen nicht zuteil werden lassen, denn auch dafür müssten wenigstens wir sie kennen und als Stärken erfasst haben.

So versteckt sich beispielsweise hinter dem Begriff der Willensnation die Errungenschaft, dass die 1848er ganz verschiedene Völker in einen föderalen Bundesstaat zusammen bringen konnten, die nicht wegen ihren gemeinsamen Eigenschaften (Sprache, Religion, Arbeits- und Erwerbs­kul­tur) einfach zusammengehörten, sondern trotz ihrer Unterschiede zusammenkommen und zusammenbleiben wollten. Erst danach wurde das Gemeinsame herausgebildet und gestärkt, die Einheit in der Vielfalt erstrebt und nicht die Vielfalt der Einheitlichkeit geopfert. Diese Integra­,tions­leistung von vier grossen, auch andere europäische, ja sogar ausser-europäische Gesellschaften prägende, vielerorts aber eben eher trennende, ja schier unüberwindbare Konfliktlinien (die vierte betrifft den Stadt/Land - Gegensatz ) ist umso bemerkenswerter, dass sie in kleinräumigen, bäuerlich und ländlich geprägten Landschaften erfolgte, deren Menschen bekanntlich eher konfliktscheu sind, Konflikte lieber vermeiden als offen austragen und als Lernmedium ebenso er- wie auch anerkennen.

Diese Integrationsleistung gelang, weil die 1848er eine höchst dezentrale institutionelle Ordnung schufen. So ist Bern eben Bundes-Bern und der Staat als Bezeichnung immer noch ein Privileg der Kantone. Ebenso genial war die Offenheit, die sich die 1848er trotz ihrer teilweise (dies betraf vor allem die Liberalen) elitären Haltung gaben. Sie waren sich des Experimentiercharakters ihres neuen Gebildes bewusst. Sie liessen unter dem Eindruck von höchst aufmüpfigen oppositionellen Volksbewegungen Verfassungsrevisionen zu, die anderswo zu Explosionen geführt hätten und zwar so, dass die Integrationsfähigkeit des vielfältigen neuen Ganzen sogar gefestigt und nicht gefährdet wurde. So wurde aus der vor allem dank der radikaldemokratischen und katholisch-konservativen Opposition durchgesetzten Direkten Demokratie das integrative Pendant zum an sich desintegrativen Föderalismus. Oder anders gesagt: Wir leben gerne zusammen, weil wir immer wieder über unsere Differenzen streiten dürfen und uns so immer wieder von neuem genau und besser positionieren können.

Doch diese Stärke muss künftig besser gepflegt werden: Wir brauchen eine echte Konfliktkultur, die zum Ausdruck bringt, dass wir den Anderen in seiner Andersartigkeit brauchen, um gemeinsam das richtige Dritte zu finden. Das bedeutet Respekt statt Erniedrigung und Beleidigung, die Bereitschaft ebenso gut zuzuhören wie zu reden, auch auf Empfang zu sein und nicht immer nur auf Sendung. Nichts anderes meint Konkor­danz: Sie ist so wichtig, weil der Konflikt so zentral ist. Konkordanz hat nichts mit Harmonieduselei zu tun. Wir brauchen vielmehr eine offene, verständnisorientierte Konfliktkultur, weil wir nur so voneinander lernen können. Beispielsweise auch mit sogenannten «neuen Minderhei­ten» (Deutsche, Serben, Muslime, Afrikaner) so streiten zu lernen, dass wir sie gerne bei uns haben und sie merken, was sie von uns bekommen. Die albanisch sprachigen Mazedonier haben dies bereits getan und teilweise zurück nach Hause genommen – nur in der Schweiz hat es kaum jemand gemerkt ...


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