30. Dez. 2008

Aargauer Zeitung
Mittellandzeitung


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«Die Finanzkrise ist ja genau auf das Versagen jener zurückzuführen, die zu viel zu schnell entscheiden konnten»


Herr Sawiris wurde in der Schweiz mit offenen Armen empfangen. Und bis anhin galt er hier als Saubermann. Haben wir uns in ihm getäuscht?

Andreas Gross: Nein, aber man lernt ihn nun wirklich kennen. Er vertritt eine Schicht von globalen Kapitalisten, für die es viel weniger selbstver­ständlich ist, dass Demokratie zur Freiheit gehört wie das Wasser zum Fisch, als wir das meinen. Herr Sawiris hat einen sehr beschränkten und sehr oberflächlichen Begriff von Demokratie. Er trennt beispielsweise den Rechtsstaat von der Demokratie, was nicht möglich ist. Er kritisiert in der Schweiz nicht den Gebrauch von Demokratie, sondern den Gebrauch des Rechtsstaates.

Was hat er denn für ein Demokratiebild?

Gross: Ich erinnere mich an einen Freund, der immer gesagt hat: Demokratie ist mehr als ein Zählrahmen. Und Herr Sawiris reduziert die Demokratie auf das Zählen. Dass Demokratie auch ein System ist, dass alle Beteiligten zum Lernen veranlassen will, entgeht ihm beispielsweise völlig.

Muss das den Schweizern, besonders natürlich den Urnern, Angst machen?

Gross: Ich weiss nicht, ob die Urner überrascht sind von Sawiris Ansichten. Ich weiss aber, dass es auf der Welt und auch in Europa viele Leute wie Sawiris gibt, die meinen, sie könnten von China in dem Sinn lernen, dass man sich wirtschaftlich schneller und besser entwickeln könne ohne Demokratie. Wenn sich diese Leute durchsetzen, ist es durchaus möglich, dass man dereinst auf eine Demokratiezeit zurückblicken wird, so wie heute auf die Stein- und Bronzezeit. Das wäre schrecklich für all jene Menschen, die keine Privilegien und kein Kapital haben. Denn Demokratie garantiert, dass die Freiheit kein Privileg der Privilegierten ist. Viele Mächtige stören sich daran, dass Demokratie zur Diskussion zwingt - sie würden lieber schnell und alleine und somit immer nur zu ihrem eigenen Vorteil entscheiden.

Wie beurteilen Sie denn Sawiris Aussagen?

Gross: Das besondere an dem Interview ist, dass es sozusagen ein Jahr zu spät kommt. Denn die Finanzkrise ist ja genau auf das Versagen jener zurückzuführen, die zu viel zu schnell entscheiden konnten. Heute sind wir in einer Zeitwende, in der die Notwendigkeit von politischen und demokratischen Institutionen in globalem Rahmen breit anerkannt wird. Vor einem Jahr wären die Aussagen von jemandem wie Sawiris bedauerlicherweise noch so etwas wie normal gewesen, heute steht er damit erst recht komplett neben den Schuhen.

Herr Sawiris empfindet die Schweiz als überdemokratisiert und überreglementiert, vor allem im Bereich von Minderheitseinsprachen bei Bauprojekten. Entsprechend sagt er, er fühle sich in eine Ecke gedrängt und würde das Projekt in Andermatt wohl nicht noch einmal wagen. Ist man ihm nicht genügend weit entgegengekommen?

Gross: Ich denke, das ist eher rhetorisch gemeint. Er weiss ganz genau, was er für seine Mühen erhält und ich nehme ihm nicht ab, dass er dieses Projekt aus diesen Gründen nicht noch einmal machen würde. Der Kanton Uri zeigte sich ihm gegenüber unheimlich konziliant. Herr Sawiris musste aber Kompromisse machen, die mit der Verletzlichkeit der betroffenen Berglandschaft zu tun haben. Wenn jemand nicht bereit ist, solche Kompromisse zu machen, dann hat er in solchen Gebieten erst recht nichts zu suchen. Denn wenn jemand derart in die Natur eingreifen möchte, muss er Rücksicht nehmen. Die rechtlichen und politischen Hürden, die er nehmen musste, sind gewissermassen das Symbol für die Notwendigkeit der Rücksichtnahme und zeigten ihm den entsprechenden Weg.

Solche Kompromisse zu machen, scheint er sich nicht gewohnt zu sein ...

Gross: Genau. Er ist es sich nicht gewohnt, dass es nicht einfach ausreicht, Geld zu bringen und Profite machen zu wollen, sondern dass ein solches Projekt eingebettet werden muss in eine natürliche und politische Landschaft, dass es allen etwas bringen muss und die anderen das Recht haben darüber mitzuentscheiden, was sie von ihm bekommen und was sie ihm dafür geben wollen.


Kontakt mit Andreas Gross



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