02. Okt. 2008

WoZ
Wochenzeitung, Zürich

«Die Zeit der kleinen Bomben ist vorbei» -
Ein Lausebengel wird dreissig.


Der Kanton Jura feierte gestern seinen dreissigsten Geburtstag. Beim Überbringen der Gratulationen trafen wir auf separatistische Nostalgie, pragmatisch-trockene Beamte und neue politische Visionen.

Von Dominik Gross

Pascal Prince hastet durchs Unterholz. Irgendwo zwischen den Karstfelsen des Béridier, dem delsberger Hausberg, kennt er versteckt im Gestrüpp einen Abstieg, der direkt unter dem riesigen, auf den Fels gemalten jurassischen Wappen enden soll. Es ist eigentlich schon von weit her sichtbar, doch für das eine Foto will uns Prince, jurassischer Kantonsrat der Christlich-sozialen Partei (CSP) und vollblütiger Vordenker des Mouvement indépendantistes jurassien (MIJ), die beste aller Sichten auf dieses Symbol des jurassischen Ringens um Eigenständigkeit und Selbstbestimmung präsentieren. Als wir dann tatsächlich auf einem schmalen Felsvorsprung über dem Abgrund unter dem riesigen roten Jurastab stehen, kapituliert der Fotograf: Kein Objektiv der Welt könnte diese unendlich steile Perspektive auf Film oder in Pixel bannen. Prince jedoch kann diesem Werk nie nahe genug sein. Sogar den König von Tahiti hat er schon hierher geführt, wie er stolz erzählt, ein grosser Kämpfer für die Unabhängigkeit seiner Insel und einer seiner Freunde aus der globalen Separatisten-Szene.

Prince’s ganz grosse politische Leidenschaft gilt der Lösung der Jurafrage. Dabei geht er weiter als die meisten anderen jurassischen Separatisten der Gegenwart: Sein MIJ strebt die Unabhängigkeit eines vereinigten Juras aus Kanton und Berner Jura von der Eidgenossenschaft an. Prince unterstützt zwar das Projekt eines neuen Kantons, das zur Zeit von der 1994 vom Kanton Jura, den bernjurassischen Gemeinden und dem Bund gegründete Assemblée interjurassienne (AIJ) ausgearbeitet wird. Dieser schlägt unter anderem einen neuen, aus den bisherigen drei jurassischen Bezirken (Delémont, Franches-Montagnes, Porrentruy) und den drei bern-jurassischen Bezirken (Moutier, Courtelary und La Neuveville) bestehenden Kanton Jura vor. Und obwohl sich in der AIJ je zwölf Vertreter des Kanton Jura und des Berner Jura gegenüber sitzen und der vom Bundesrat eingesetzte neutrale Präsident ein Walliser Jurist aus Sierre (notabene von der Sprachgrenze) ist, glaubt Prince trotzdem, dass die Jurassier in diesem Rat, als Kanton, ja dass die ganze Romandie von den Deutschschweizern dominiert werde: «In einer Demokratie entscheidet zuletzt immer die Mehrheit und das sind in der Schweiz nun mal die Deutschschweizer, egal ob nach Ständen oder Bürgern.» Trotz allem helvetischen Föderalismus, trotz den jüngsten Angleichungen der Landesteile in Abstimmungen und Wahlen, für Prince ist der Röstigraben unüberwindbar: Nur mit der Gründung einer souveränen demokratischen Republik befreie sich der Jura vom Deutschschweizer Joch. Prince verweist auf Andorra, Liechtenstein und Ost-Timor, die bewiesen hätten, dass man als Kleinststaat in der globalisierten Gegenwart überleben könne – «ein wirtschaftliches Auskommen findet sich immer» – gibt aber zu, dass die Vision seines vierzig Mitglieder zählenden MIJ im Kanton Jura kaum jemand teile: «Nous sommes la plus petite minorité entre les minorités de la minorité.»

Da kann Sozialdemokrat Jean-André Comte, ebenfalls jurassischer Kantonsrat und Generalsekretär des Mouvement autonomistes jurassien (MAJ) auf breitere Unterstützung zählen: Gemäss Umfragen des Lausanner Instituts M.I.S. aus diesem Jahr befürworten 64 Prozent der Jurassier im Kanton Jura den Vorschlag der AIJ für einen neuen Kanton, welcher auch das MAJ vollumfänglich unterstützt. Er beinhaltet auch eine institutionelle Reform: Aus den 132 gesamtjurassischen Gemeinden sollen in den bisherigen Bezirksgrenzen sechs werden, für Schweizer Verhältnisse ein ziemlich waghalsiger Schnitt. Trotzdem meint Comte: «Dieser Vorschlag ist keine jurassische Utopie, sondern ein realistisches politisches Projekt, das auf breite Unterstützung der Institutionen und auch der Bevölkerung im Kanton Jura, im Berner Jura und auf Bundesebene zählen kann.» Der Jura sei eine historisch gewachsene Region, mit einer gemeinsamen Mentalität, Sprache und Kultur. Ziel müsse es sein, wiederzuvereinen, was 1978 bei der Kantonsgründung geteilt wurde.

In der eidgenössischen Abstimmung vom 24. September 1978 billigte das Schweizer Stimmvolk die Aufnahme der République et Canton du Jura in die Eidgenossenschaft und dessen Abspaltung vom Kanton Bern, der Kanton Jura war geboren. Die Teilung in Nord- und Südjura vollzogen die Jurassier jedoch schon 1974/75, als die katholischen Bezirke des heutigen Kantons für diesen stimmten, die protestantischen Bezirke im Süden aber für den Verbleib bei Bern. Konflikte gab’s schon viel früher: Der Südjura fiel unter dem wachsenden Einfluss Berns ab 1500 der Reformation anheim. Das Schicksal des schon im Bistum Basel (daher der Baslerstab im Wappen) in seinen heutigen überkantonalen Grenzen der sechs Bezirke bestehenden ganzen Juras wurde am Wiener Kongress 1815 besiegelt: Das Bistum Basel wurde in den Hoheitsbereich Berns überführt und der Jura von einem ziemlich autonomen Gebiet im Bistum zur marginalen Berner Provinz umfunktioniert. Gleichzeitig wurde der Südjura (uhren-)industrialisiert, eine starke deutschschweizer Arbeitsmigration setzt ein, unter deren Eindruck sich die Jurassier gezwungen sahen, sich ihrer frankophonen Identität zu vergewissern. Hundert Jahre später brach unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Berner Jura eine Revolte gegen die Benachteiligung der französischen Minderheit im Kanton Bern aus. In den 50er Jahren wurde der Rassemblement jurassien unter der Führung von Roland Béguelin gegründet, 1962 die Jungseparatistengruppe Béliers (dt. die Widder).

Der Wirt des Hôtel Croix Blanche in Courfaivre bei Delémont, Marc Beuchat, war ein Bélier der ersten Stunde. Vor einer Bildercollage der Béliers in seiner Gaststube lacht er mit einem Gast, ebenfalls ein Altbeliér, über die wilden Separatistenzeiten: Beim Finale der Eishockey-WM in Bern 1971 hätten sie solange immer mehr Pucks aufs Spielfeld geworfen, bis die Partie unterbrochen werden musste. «Dann haben zwei von uns mit der jurassischen Flagge in den Händen einen Eistanz aufge­führt,» erzählt der vollbärtige Beuchat strahlend, «die Béliers waren das schönste Geschenk meines Lebens.» Bombenträger hätten sie den Beuchat genannt, spottet der andere, «naja, das waren natürlich nur kleine Bömbchen.» Die Béliers haben den humoristischen Zivilen Ungehorsam in der Schweiz etabliert: Die Berner Präfektur in Delémont besetzten sie in den 60ern, am 11. Dezember 1968 erhielt die Bundes­versammlung Besuch von den Widdern, in den 80ern holten sie den Soldaten Fritz zweimal vom Sockel des Soldatendenkmals aus dem 1. Weltkrieg in Les Rangiers nahe St-Ursanne. 1984 wurde der Unspunnen­stein, Heiligtum aller währschaften Älpler gestohlen, 2001 via Shawne Borer Fielding zurückgegeben, und 2005 wieder entwendet (siehe WOZ Nr.34, 25.8.2005). Die Béliers scheuten dabei manchmal nicht vor den Bömbchen zurück und versetzten damit ihre harmoniegewohnten Miteidgenossen in Angst und Schrecken. Sprengmeister Beuchat bereut es nicht: «Wenn man politisch etwas erreichen will, muss es ab und zu knallen, damit man den gemütlichen Kokon der Machthaber sprengen kann.» Aber Bömbchen und Pucks genügen nicht: «On a besoin de l’amour!» Liebe sei nötig, wenn man etwas wie den Kanton Jura schaffen wolle, meint der Gast im Croix blanche, «wir waren damals Sentimenta­listen, die Jungen heute sind ökonomisch orientierte Pragmatisten. Die Zeit der kleinen Bomben ist vorbei.» Dies bestätigt auch der heutige Animateur principal der Béliers Marc Freléchoux: Das Interesse für die Béliers und ihre Ziele sei heute viel geringer als vor 20, 30 Jahren. »Die Jurafrage beschäftigt die Jungen im Jura nicht mehr so stark,» konstatiert Freléchoux. Vielleicht auch weil die Ziele der Béliers heute mit jenen der gemässigteren Gruppen um die MAJ übereinstimmen; Freléchoux sagt jedenfalls: «Der Vorschlag der Assemblée interjurassienne für einen vereinigten Jura unterstützen wir enthusiastisch.»

Im nüchternen Beamtenbüro des Präsidenten des probernischen Force démocratique (FD), Roland Benoit, SVPler und Leiter des Strassenver­kehr­samtes Biel, scheinen die von den Zwischenberichten der AIJ genährten neuen Visionen der Jurassier ob der trocken-pragmatischen Analysen Benoits, zu Staub und Asche zu zerfallen: «Die Separatisten werfen uns immer vor, wir hätten keine Ziele und Visionen. Das stimmt, denn wir haben unsere Ziele längst erreicht.» Obwohl einige Gemeinden im Berner Jura von separatistischen Präsidenten regiert würden, darunter Moutier, hätten kommunale Wahlen und konsultative Abstimmungen der letzten Jahre gezeigt, dass die Separatisten nur von einem Drittel der Bernjurassier unterstützt würden. So sei der Berner Jura heute gut vernetzter Teil der Agglomeration Biel. Die Region Seeland/ Berner Jura bilde wirtschaftlich, kulturell und politisch eine Einheit. «Der Berner Jura ist innerhalb Berns überhaupt nicht benachteiligt, im Gegenteil, er pro­fi­tiert von den Zentren Biel und Bern,» behauptet Benoit. Das interessiere heu­te die Leute, nicht «historisch-politische Identitätsfragen,» vor allem den Jungen gehe es in erster Linie um einen guten Job und ein schönes Zuhause.

Wenigstens in diesem Punkt ist er sich mit den Altbéliers in Courfaivre einig. Die Richtigkeit der Studie zu den ökonomischen Auswirkungen eines neuen vereinigten Kantons, welche die AIJ am letzten Dienstag präsentierte und von der Uni Neuchâtel ausgearbeitet wurden, stellt Benoit ebenfalls in Frage. Diese hat positive Auswirkungen für Nord- und Südjura im Fall eines Zusammenschlusses; Benoit prophezeit: «Unsere Erfahrungen sagen das Gegenteil. Und ich bin davon überzeugt, dass im Schlussbericht, der im Dezember erscheint, auch die AIJ für einen Verbleib des Status Quo plädieren wird.» Dass dies den Nord-Jurassiern nicht gefallen werde, sei klar, die würden langsam merken, dass sie alleine nicht mehr überlebensfähig sind. «Aber schliesslich müssten auch die Mehrheit der Süd-Jurassier in der AIJ für das neue Kantonsprojekt stimmen und da bin ich sehr zuversichtlich, dass das nicht passiert.»

«Einige Bernjurassier sind sich vielleicht noch nicht ganz bewusst, was für eine positive Kraft davon ausgeht, wenn man über sich selbst entscheiden, sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann!» vermutet der jurassische SP-Ständerat Claude Hêche. Daran, dass eine Kantonsgrenzen übergreifende Jurassische Identität existiere, könne niemand ernsthaft zweifeln. Die Jurassier seien wieder daran, in der Tradition ihres «mutigen, offenen und dynamischen Geistes Neues, Historisches zu leisten.» In der Assembée interjurassienne sei alles Vergangene offen auf den Tisch gelegt und von Neuem begonnen worden, ist Hêche überzeugt. Es sei aber klar, «dass jede Seite Mut beweisen und Opfer erbringen muss,» so beispielsweise die Stadt Delémont, denn als neue Hauptstadt des Kantons wäre Moutier vorgesehen. Es sei die Aufgabe der Politiker, sich in der öffentlichen Debatte zu engagieren und Überzeugungsarbeit an der Basis zu leisten, dann könne man viel erreichen, ist Hêche überzeugt. Und in der gut jurassischen Tradition der politischen Poesie fügt er an: «Il faut nourir la réfléction!»

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Die Entstehung des Kantons Jura

Die Grenzdefinition des heutigen Kantons Jura und des Berner Juras reicht weit zurück, ins Jahr 999. Damals schenkte der letzte Burgunderkönig das Gebiet dem Bischof von Basel. Er wollte sich damit ein gutes Plätzchen im Jenseits sichern, falls die Welt beim Jahrtau­send­wech­sel untergehen sollte. Die Welt ging nicht unter, aber den von Bern beeinflussten Südjura suchte um 1500 die Reformation heim. Seither stehen sich KatholikInnen und ProtestantInnen im Jura gegenüber. Knapp achthundert Jahre lang genoss der Jura eine relative Autonomie, bis Napoleon kam und das Gebiet am Wiener Kongress 1815 zu Berner Untertanengebiet wurde. Gleichzeitig wurde der Südjura (Uhren-)-industrialisiert, und eine starke Deutschschweizer Arbeitsmigration setzte ein. Gotthelf sprach derweil von «den wüsten Leuten hinter den blauen Bergen».

Nach dem Zweiten Weltkrieg brach im Berner Jura eine Revolte gegen die Benachteiligung der französischen Minderheit aus, und 1947 wurde das Rassemblement jurassien unter der Führung von Roland Béguelin gegründet. Fünfzehn Jahre später entstand die militante Jung­sepa­ra­tis­ten­gruppe Béliers, die Widder. Nun beschäftigte die Jurafrage die ganze Schweiz, man sprach geschockt von Moutier – dem Belfast der Schweiz. Der damalige Bundesrat intervenierte, und 1974/75 wurden regionale Plebiszite über die Gründung eines neuen Kantons abgehalten. Die katholischen Bezirke des heutigen Kantons Jura stimmten dafür, die protestantischen Bezirke im Süden und das Laufental (es schloss sich 1994 Baselland an) waren dagegen. Der Jura wurde geteilt. In der eidgenössischen Abstimmung vom 24. September 1978 billigte das Schweizer Stimmvolk mit grossem Mehr die Aufnahme von République et Canton du Jura in die Eidgenossenschaft und die Abspaltung vom Kanton Bern. Der Kanton Jura war geboren.



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