01. Juni 2008

Sonntag
Aargauer Zeitung

Patriotismus ist Liebe zum eigenen Land.
Und auch im Sport richtet sich Patriotismus nicht gegen andere


Von Othmar von Matt

Herr Gross, werden Sie an der Euro mit Fahne oder Leibchen zu sehen sein?


Andreas Gross: Das machte und mache ich nie. Nicht einmal an der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, als ich mit meinem Sohn für Schweiz-Südkorea nach Hannover fuhr. Ich war fast stolz, inmitten von roten Schweizern nicht rot angezogen zu sein. Zumal auch die Koreaner in rot kamen …

Weshalb stolz?

Wenn tausende von Leuten gleichzeitig dasselbe tun, läuft es mir immer etwas kalt den Rücken hinunter.

Weil Sie das als nationalistisch empfinden?

Das hat mit Nationalismus nichts zu tun. Sondern mit der Furcht, von einer Strömung manipuliert zu werden, die Macht über sich selber zu verlieren.

Die Auswirkungen der Euro sind ungesund?

Überhaupt nicht. Wichtig ist, dass jeder bei sich bleibt. Dass er sich nicht zu Dingen hinreissen lässt, die er für sich selbst nicht verantworten kann. Man kann aber nichts dagegen einwenden, Teil einer gemeinsamen Freude zu sein. Im Gegenteil: Das ist eine wunderbare Erfahrung.

Die Vorfreude ist spürbar: Überall hängen Flaggen. Was bedeutet das?

Eines fiel mir schon vor zwei Jahren in Deutschland auf: Auf denselben Terrassen hingen oft mehrere Nationalfahnen gleichzeitig. Ein Trend, der in der Schweiz noch viel stärker spürbar ist. Das hat mit unseren vielen Doppelbürgern zu tun.

Die Nati ist das beste Beispiel dafür: 13 von 23 Spielern sind Doppelbürger.

Genau. Das ist einer der schönsten Aspekte. Die Nationalmannschaft ist ein Symbol dafür, woher der Reichtum der Schweiz kommt. Ohne direktes oder indirektes Zutun von Immigranten wären alle grossen Leistungen des Landes nicht möglich gewesen – von ETH über Nestlé, ABB, Privatbanken und Uhrenindustrie bis hin zur Nationalmannschaft. Ohne Doppelbürger hätte die Schweiz die WM 2006 nicht gespielt. Das ist fantastisch, und das drückt sich in der Beflaggung aus. Die Doppelbürger fanen genau so für ihr Ursprungsland wie für die Schweiz. Schön ist, dass bei uns die Schweizer Fahne nicht zuoberst hängen muss, im Gegensatz etwa zu Kanada. Und fussballerisch sind viele Schweizer sowieso Doppelbürger: Sie wissen auch im deutschen, italienischen, französischen und spanischen Fussball bestens Bescheid. Die Fahnenvielfalt zeigt, dass wir Schweizer multikulturell sind!

Ist das eine generelle Entwicklung?

Ja. Sie zeigt sich für mich in der Champions League. Obwohl ich Fan des alten Manchester United von George Best war, weiss ich heute viel weniger, mit welchem Team ich mitfiebern soll. Ich freue mich auch über Chelsea, obwohl es einem russischen Oligarchen gehört. In der Champions League sehen wir heute multinationale Weltauswahlen – in London sind mindestens zwei zu Hause, in Mailand auch. Wer gewinnt, ist gar nicht mehr so entscheidend, man freut sich über schöne Spiele und fantastische Spielzüge. Ich hoffe, dass diese Transnationalität auch bei Europa- und Weltmeisterschaften vermehrt zu sehen ist. Obwohl diese immer noch von nationalen Identitäten geprägt sind.

Nicht von Nationalismen?

Nein. Nationalismus bedeutet Feindschaft gegenüber einem anderen Land, nicht Liebe zum eigenen Land. Patriotismus hingegen ist in erster Linie Liebe zum eigenen Land. Und auch im Sport richtet sich Patriotismus nicht gegen andere.

Welchen Eindruck wird die Schweiz als Euro-Gastgeber hinterlassen?

Wir stehen vor zwei Schwierigkeiten. Erstens haben die Deutschen eine Vorlage geliefert, die fast nicht mehr zu überbieten ist. Sie legten eine Meisterleistung hin, die ganz Europa verblüffte. Zweitens wird die Schweiz fussballerisch nie so gut abschneiden wie Deutschland. Vieles spricht dafür, dass wir die Viertelfinals nicht erreichen, unsere Gegner sind zu stark. Es könnte ein wichtiges Element für den Stimmungsaufbau fehlen.

Sie sind dennoch optimistisch?

Wir werden bei den Gästen einen positiveren Eindruck hinterlassen als sie erwarten. Sie werden spüren, dass wir uns mit vielen identifizieren, wenn sie schnell, offensiv und mit Herz spielen. Weil die multikulturellen Schweizer Freude an guten Fussballspielen haben.

Wird die Euro die Schweiz verändern?

Sie wird das Selbstbewusstsein stärken, dass wir gemeinsam eine riesige, schwierige Veranstaltung organisieren können. Und sie wird hoffentlich die Erfahrung hinterlassen, dass Gäste eine Bereicherung sind. Viele werden in Restaurants, auf Terrassen und Strassen mit Fans ins Gespräch kommen. Das bringt Erfahrungen, die man normalerweise mit Touristen nicht macht. Gesellschaftlich und politisch würde ich die Bedeutung der Euro nicht überschätzen. Die Schweizer sind viel internationaler und europäischer, als sie selbst denken. Sie gehören seit Jahrzehnten zu den offensten in Europa. Die vertrackte politische EU-Diskussion verdeckt, wie europäisch die Schweizer Gesellschaft tatsächlich ist.

Für wen fanen Sie persönlich?

Mich hat die Klugheit und die Tiefgründigkeit eines Interviews mit dem Barcelona-Mittelfeldspieler Iniesta beeindruckt. Seit 1964 gehört Spanien stets zu den Favoriten, schied immer zu früh aus. In den letzten zwei Jahren verloren die Spanier aber nur ein einziges von 24 Spielen. Zwei spanische Europarats-Kollegen sagten mir vorgestern: Wenn Du mithilfst, dass Spanien Europameister wird, laden wir Dich für ein Wochenende nach Barcelona ein. Nun muss ich natürlich alles dafür tun. Direkt dabei bin ich nur bei Schweiz – Türkei; inmitten der Türken, auf Einladung eines türkischen Europaratskollegen!


Kontakt mit Andreas Gross



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