12. Feb. 2008

Berner Zeitung

Andreas Gross zur Affäre Mörgele-Mengele:
«Couchepin muss sich dafür
sicher nicht entschuldigen»


SP-Nationalrat Andreas Gross dreht den Spiess um: Man müsse Bundespräsident Couchepin dankbar sein, dass er mit seinem Mörgele-Versprecher zum Ausdruck gebracht habe, was ihn beschäftige. Denn dies sei Teil der Wahrheit.

Was halten Sie von der Affäre um Bundespräsident Couchepin und Nationalrat Mörgeli?

Andreas Gross: Es ist ein typisches Beispiel für die Erosion der Qualität der schweizerischen Medienöffentlichkeit. Sie verwechselt Unwesentliches mit Wesentlichem. Wesentlich wäre, dass der Schweiz erklärt wird, was am 12.12. passiert ist, weshalb es geschah und was daraus für Lehren gezogen werden sollten ...

... Das ist ein anderes Thema. Was denken Sie nach dem, was über Couchepins Aussage bezüglich Mörgele-Mengele bekannt ist: War es ein Versprecher oder eine bewusste Provokation?

Es war eine freudsche Fehlleistung. Unbewusst brachte Couchepin auch zum Ausdruck, was ihn beschäftigt und Teil der Wahrheit ist. Dafür müssen wir ihm dankbar sein.

Das müssen Sie präzisieren: Was beschäftigt Couchepin Ihrer Meinung nach? Wofür sollte man Couchepin dankbar sein?

Bundesrat Couchepin beschäftigen die Parallelen und die Unterschiede zwischen der aggressiven Rhetorik der SVP in den vergangenen 14 Monaten und derjenigen der Nazis in den 20er- und Anfang der 30er-Jahre, welche die Weimarer Demokratie zu Fall gebracht haben. Insbesondere das autoritäre Demokratieverständnis der SVP, ihr beinahe völkisches Volksverständnis und die vormodernen Elemente des SVP-Demokratieverständnisses. Damit beschäftigen ihn Wahrheiten, die in der schweizerischen Öffentlichkeit viel zu wenig und wenn ja zu wenig kritisch reflektiert und diskutiert werden.

Aber wofür müssen «wir» Ihrer Meinung nach Couchepin dankbar sein?

Wir müssen ihm dankbar sein, dass er im Herbst 2006 zum Demokratieverständnis Blochers, im Sommer 07 mit der Duce-Assoziation und jetzt wieder Elemente im Politikverständnis und der aggressiven SVP-Praxis ansprach, die sonst im Bundesrat nie jemand zur Sprache gebracht hat.

Wie schlimm werten Sie die Aussage des Bundespräsidenten an der Kommissionssitzung?

Ein Freud'scher Lapsus kann immer wieder passieren.

Sollte sich Couchepin bei Herrn Mörgeli entschuldigen?

Sicher nicht, oder hat sich Mörgeli schon einmal irgendwann für seine Dutzenden von Verbalinjurien und Verunglimpfungen Andersdenkender entschuldigt?

Exponenten der SVP - so Adrian Amstutz und Mörgeli selber - forderten bereits den Rücktritt des Bundespräsidenten. Was sagen Sie dazu?

Solche SVPler können nicht anders. Ihr Frontmann ist eben abgewählt worden; jetzt wollen sie, dass dieses Schicksal jeden Andersdenkenden auch erreicht. Am liebsten hätten sie vier SVPler im Bundesrat und noch drei andere bürgerliche, die ihnen nie widersprechen.


Kontakt mit Andreas Gross



Nach oben

Zurück zur Artikelübersicht