28. Juni 2007

Aargauer Zeitung
Mittellandzeitung

Von der Alinghi aufs Rütli -
Von der Suche nach sich selber


Von Andreas Gross
Andreas Gross studierte in Zürich Geschichte und in Lausanne Politikwissenschaften. Er leitet in St-Ursanne das Atelier für Direkte Demokratie und ist Zürcher National- und Europarat (SP).


Der französische Historiker Pierre Nora prägte vor mehr als 20 Jahren den Begriff der «Erinnerungsorte». Darunter verstand er nationale Symbole, welche eine Gesellschaft sich schafft, die sich als Gemeinschaft verstehen und festigen will. Orte, an denen Geschichte erinnert werden soll, die für das Werden und das Leben des Gemeinsamen als bedeutsam angesehen wird. Orte, an denen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit nachvollzogen, andere würden sogar sagen, gespürt, werden können soll.

Das Rütli ist ganz bestimmt für die Schweiz ein solcher Erinnerungsort. Ganz unbesehen von der alten Frage, ob dort 1291 wirklich drei reiche Bauern sich und den ihrigen etwas versprochen haben. Denn ein Erinnerungsort ist meist mythisch aufgeladen. Ein Mythos ist nie ganz wahr; doch er enthält meist so viel Wahrheit, oder vielleicht auch nur so viel historische Plausibilität, so dass um sie herum eine Legende gebaut werden kann, die als glaubhaft empfunden wird. Alles zusammen soll dem dienen, was moderne Gesellschaften so sehr vermissen: Quellen des Gefühls der Zusammengehörigkeit.

Der 1. August ist mehr Erinnerungs-Moment als Erinnerungsort und kann an verschiedenen Orten gelebt werden. So war ich im vergangenen Jahr stolz darauf, eine 1.-August-Rede halten zu können vor etwa 100 Menschen, die sich mit der Schweiz verbunden fühlen, die eine andere Landeshymne, in ihrem Fall die kanadische, ungleich besser singen können als die schweizerische und dies auch bewiesen haben.

Alinghi und Valencia könnten vielleicht einmal zu einem schweizerischen Erinnerungsort werden. Etwa dann, wenn das Segelboot eines der reichsten Bürger der Schweiz, die zum Leidwesen der aufmüpfigsten unter ihren modernen Gründer von 1848 über keinen Meeranstoss verfügt, noch mehrmals den ältesten Pokal gewinnt, den der Sport auf dieser Welt zu bieten hat. Dass der reiche Mann, übrigens ein Secondo, der einzige Schweizer an Bord ist, spielt dabei keine Rolle. Stichwort Mythos. Schliesslich haben verschiedene Forscherinnen und Techniker aus der Schweiz zur Spitzentechnologie auf und an der Alinghi beigetragen. Und Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey hat die Botschaft bereits formuliert, welche die Schweizer an diesem Ort in aller Zukunft erinnern und aufleben lassen möchten: Wir trauen uns was zu, auch Ungewöhnliches und Überraschendes, wir unternehmen etwas, und erst noch erfolgreich, wir alle wollen gute Unternehmer sein und so mancher unter uns ist es sogar!

Ein 1. August auf dem Rütli ist gleichsam eine Verdoppelung des patriotischen Identifikationspotenzials. Deshalb wird er dort seit 1949 jedes Jahr gefeiert. Kein Wunder, dass in dem Jahr, als erstmals in der Geschichte der Schweiz zwei Frauen Regierung und Parlament vorsitzen, diese beiden Frauen diesen Erinnerungsort nicht auslassen wollten. Wiederum formulierte Micheline Calmy-Rey die Botschaft, die sie erinnert haben wollte. «Dort hat sich unser gemeinsamer Wille zur Gestaltung der Zukunft durch gesetzt», meinte sie. Doch der scheinbar unternehmerischste unter ihren Bundesratskollegen missgönnte ihr und der Nationalratspräsidentin den Auftritt und verweigerte die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen.

Der Schwyzer Regierungspräsident bewies gleichzeitig wie wenig ernst es der nationalkonservative Bürgerblock mit der Konkordanz meint. Er meinte zur Nationalratspräsidentin, sie wäre gerade noch willkommen (er meinte wohl in der Innerschweiz, denn das Rütli ist immerhin Urnerland), doch die «andere», sprich die Linke, sei es auf keinen Fall, die würde im Muotathal «grad ins Hölliloch» gesperrt. Das deutet auf den Kern der Krise der gegenwärtigen schweizerischen Regierung hin: Der nationalkonservative Kern der Schweiz, wohl etwa 40 % stark, hat die Frauen seit 1971 mehr oder weniger akzeptiert; die Linke, seit 1918 immerhin die stärkste politische Kraft im Land und seit 1943 im Bundesrat, ist ihr aber immer noch ein Dorn im Auge. Sie soll nach wie vor ausgeschlossen werden vom Ort der Erinnerung, sie will als Teil der Heimat nicht akzeptiert.

Es brauchte zwei beherzte Unternehmer, um den linken und liberalen Frauen den Zugang zum schweizerischsten aller Erinnerungsorte zu sichern. Was mehr sagt über die heutige Schweiz und deren Suche nach sich selber als über die Schweiz, die erinnert werden soll. Mein Freund und Nachbar im Nationalrat, der Luzerner Philosophielehrer Hans Widmer fragte mich dazu nur: «Stell Dir einmal vor, dass der 14. Juli in Paris von Cartier und Renault abhängen würde? Das wäre in einer selbstbewussten Demokratie unmöglich!»

Demokratie, sagte Hans Widmer. 1291 hatte mit Demokratie nichts zu tun. Mit deren Aufbau begann man auch hierzulande erst nach und dank der Französischen Revolution. 1848 gelang der Schweiz auch dank Europa diesbezüglich ein Anfang, wie er sonst n Europa nirgends gelang. Weshalb schaffen wir nicht auch dafür einen Erinnerungsort? Beispielsweise im Waadtland, wo Henry Druey gelebt hat, einer der bestens unserer 48er Revolutionäre und des ersten Bundesrates. Oder auf der Petersinsel, wohin Rousseau flüchtete und demokratische Prinzipien formulierte, die uns noch heute leiten und die uns in der Zukunft mehr helfen als Politiker, welche die Welt auf das reduzieren wollen, was ihnen gefällt.


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