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Mai 2002
eurotopia- Newspaper 1/2002
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Vermag der Konvent die Ambivalenzen zu
überwinden?
Der schwierige Weg der europäischen
Verfassungsgebung
Das Projekt und seine Begründung sind seit 60 Jahren
bekannt. Leon Blum, vor dem Krieg sozialdemokratischer
Ministerpräsident der französischen Volksfront-Regierung,
formulierte sie während dem Krieg in einem
Gefängnis folgendermassen: «Entweder entstehen nach
diesem Krieg starke europäische Institutionen, oder
dieser Krieg wird nicht der letzte gewesen sein.»
Der Italiener Altiero Spinelli, später EU-Kommissar, als
Europaparlamentarier Schöpfer dessen Verfassungskommission
und zweier Verfassungsentwürfe sowie
verantwortlich, dass 1989 Italien in einem Referendum
sich als bisher einziges EU-Mitglied für eine europäische
Verfassung ausgesprochen hat, schrieb 1941 auf der
Gefängnisinsel Ventotene: «Die Nation hat ausgehört, die
ideale Organisationsform der Völkergemeinschaft zu
sein.»
Für Blum und Spinelli war in den 1940er Jahren ebenso
klar wie für den Belgier Paul-Henri Spaak, den Schweizer
Denis de Rougement, den Deutschen Carlo Schmid oder
die 1946 in Hertenstein am Vierwaldstättersee
versammelten europäischen Föderalisten, welche Gestalt
und welches Fundament die europäische Integration
bedarf: Ein europäischer Bundesstaat neuen Typus,
getragen von einer föderalistischen, europäischen
Verfassung, von den Bürgerinnen und Bürgern Europas
in einem Referendum angenommen. (Alles nachzulesen
im 700-seitigen Wälzer von Walter Lipgens zu den
europäischen Verfassungsentwürfen von 1934 bis 1984,
Frankfurt 1985).
Die grosse Frage, die wir genauer beantworten
sollten, ist: Weshalb war dieses Verfassungsprojekt Ende
der 1940er Jahre nicht möglich und weshalb gab es keine
Alternative zur vertrags- statt verfassungsbegründeten,
exekutiv statt bürgergetragenen und wirtschaftlich statt
politisch priorisierten Form der Integration à la Monnet
und Schumann?
Ich sehe vor allem drei Gründe: Der Nationalismus hatte
die Katastrophen seines Produktes Krieg auch bei den
versehrten Völkern weit intakter überlebt als den EU-Pionieren
bewusst gewesen ist, in der Nachkriegszeit
fehlte "Europa" die Souveränität um einen solchen
eigenen, dritten Weg einzuschlagen, und die beiden
neuen Weltmächten welche das Sagen hätten , die USA
und die UdSSR, hatten an einem solchen Integrationsprojekt
kein Interesse.
Heute, 60 Jahre später, kommen die EuropäerInnen auf
das ursprüngliche Projekt zurück. Zehn Jahre nach der
welthistorischen Wende läutete der deutsche
Aussenminister Fischer mit seiner Berliner Rede im
Frühjahr 2000 auch die europapolitische Wende ein: Die
Kluft zwischen der wirtschaftliche Integrationstiefe -
symbolisiert durch den erfolgreichen Euro - und der weit
zurückgebliebenen europäischen Demokratieentwicklung
ist zu gross geworden. 29 Referenden seit 1972
illustrierten in vielen Gegenden Europas den Preis für die
elitäre, und ökonomistische Integrationskonzeption: Es ist
unter den Bürgerinnen und Bürger politisch zu wenig
verankert. Die Integrationskraft der Verträge und Regierungskonferenzen
hat sich erschöpft, sie müssen durch
Verfassungen und demokratisch direkt dazu legitimierte
PolitikerInnen abgelöst werden.
Dies alles nicht weil Europa schwach und ein Misserfolg ist,
sondern gerade deswegen weil es so erfolgreich ist, so
attraktiv und so wichtig, gerade deshalb muss es wirtschafts-,
sozial- und aussenpolitisch stärker werden, was
nur dank einer besseren Legitimation möglich ist unter
gleichzeitig klarerer Zuordnung der Kompetenzen und
teilweiser Dezentralisierung von Politiken, die besser in den
Regionen und Ländern angegangen werden können als in
Brüssel.
Ein ganz wesentlicher Motor dieser Entwicklung ist die
Globalisierung der Wirtschafts- und Marktbeziehungen
während der vergangenen zwölf Jahre. Eine handlungsfähige
Politik fusst auf einer intakten Beziehung zwischen
Markt und Demokratie. Damit mit demokratisch legitimierten
Beschlüssen die Gesellschaft die Märkte sozial-, umwelt-
und mitweltverträglich machen und entsprechend
disziplinierende Spielregeln setzen kann, müssen der Markt
und die Quellen der demokratischen Legitimation der Politik
(die Verfassungen) auf der gleiche Höhe sein. Dies ist heute
aber mitnichten der Fall: Die transnationalen Märkte sind
längst der nationalen Demokratie entrückt, folgen ihren
eigenen rücksichtslosen Rendite-, Profit- und Produktivitätslogiken
und können von nationalen Demokratien und sich
darauf abstützenden Regierungen nicht mehr gezähmt
werden.
Die Folge: Sozialstandards und Umweltnormen erodieren,
die Macht des Stärkeren kennt keine Hemmungen mehr, die
Menschen empfinden sich als ohnmächtig, Gewalt in
verschiedensten Erscheinungsformen überrascht an Orten,
wo sie niemand erwartet hätte, immer mehr Menschen
immer häufiger.
Die Erkenntnis: Zur Restaurierung der Handlungskraft der
Demokratie braucht es deren transnationale Verfassung.
Zur Verteidigung des europäischen Zivilisations- und
Sozialstaatsmodells benötigen wir europäisch fundierte
demokratische Rechte. Zur Konsolidierung, Stärkung und
vor allem Integration all jener Länder und Völker, die Jalta
und Stalin 1944 - 1950 vom europäischen Projekt
ausgeschlossen haben, brauchen wir ein politisch
handlungsfähigeres Europa, das Demokratie und
Kapitalströme auch zu jenen Millionen Menschen in Not
lenken kann, die ohne unsere Hilfe die Folgen
jahrzehntelanger totalitärer Herrschaft nicht alleine
überwinden können und mit denen der Markt noch lange
kein Geld verdienen kann, weshalb er sie alleine lässt.
Viele EuropäerInnen sind sich dieser Zusammenhänge
mehr oder weniger bewusst. Auch der Notwendigkeit, die
europäische Integration eine neue Qualität zukommen zu
lassen. Deshalb die grosse, vorläufig freilich vor allem
rhetorische Zustimmung, welche Fischer in den
vergangenen zwei Jahren fand. Deshalb die Bereitschaft,
das Experiment Konvent zu wiederholen. Das peinliche
Schauspiel, das die Regierungschefs im Dezember 2000 in
Nizza gaben, liess viele ihre eigenen Grenzen erkennen.
Deshalb auch die sehr selbstkritische und teilweise
schonungslose Darlegung der gegenwärtigen Grundprobleme der EU in der Laekener Erklärung vom Dezember 2001, welcher die belgische Präsidentschaft
auch zu einiger Publizität verhalf.
Dennoch geht der Mut und der politische Willen der
Mehrheit derjenigen, die in der EU wirklich das Sagen
haben, der Regierungs- und Staatschefs, noch nicht sehr
weit. Deshalb vermochten sie sich in Nizza nicht dazu
durchzuringen, der vom ersten Konvent unter Roman
Herzog erarbeiteten EU-Grundrechtecharta Rechtskraft
im Interesse jedes Bürgers und jeder Bürgerin der EU
zukommen zu lassen. Deshalb auch die höchst
ambivalente Stellung, welche die Regierungschefs in
Laeken dem zweiten Konvent zukommen liessen. Der
Konvent ist zwar völlig frei, die Probleme zu analysieren
und die institutionellen Konsequenzen zu ziehen, die er
notwendig findet, doch auch die Regierungschefs
behalten sich jegliche Freiheit vor, mit dem Ergebnis des
Konvents zu machen, was sie für richtig halten. Das
heisst, der Konvent kann ein Verfassungsprojekt vorlegen
zum Beispiel, doch ob daraus dann wirklich eine
Verfassung wird oder auch nur ein eigentlicher
Verfassungsprozess eingeleitet wird, das hängt völlig
vom Willen der Regierungschefs ab.
Nun sehen sich fast die Hälfte dieser Regierungs- und
Staatschefs 2002 vor die Aufgabe gestellt, bei ihren
WählerInnen ihr Mandat zu erneuern. In Portugal und in
Frankreich haben sie dies bereits hinter sich und sind
mehrheitlich falliert; in den Niederlanden, Irland,
Schweden und Deutschland steht ihnen dies noch bevor
und es sieht dort für deren Mehrheit auch nicht gut aus.
Doch auf was es mir hier ankommt: Wie zuvor in
Österreich, Italien, Dänemark oder Spanien ist bei diesen
ihren Wahlen Europa und ihr dortiges Tun gar kein
Wahlthema, es wird darüber nicht einmal diskutiert,
geschweige denn gerungen und gestritten und es wird
deswegen von den Wahlen auch kein europäisches
Mandat abzuleiten sein für jene, die sie gewinnen
können.
Das ist für mich das entscheidende Dilemma: Dort wo
viele BürgerInnen glauben, die Macht über ihre tägliche
Existenz und Lebenswirklichkeit liege, wird sie immer
kleiner und schwächer, und dort, wo sie wirklich ist und
wo über deren Gebrauch nachgedacht und diskutiert
werden sollte, reicht der Hebel der Menschen nicht, ja
diese Diskrepanz wird nicht einmal thematisiert. Gegen die
Demokratie ist jedoch Europa nicht zu bauen. Und wenn die
Menschen glauben, die Demokratie könne es ohnehin nur
auf der nationalen Ebene geben, dann haben die
Nationalisten schon gewonnen und einen unerhörten
Trumpf in der Hand.
Weitere unzählige Fragen sind natürlich an den Konvent
selber zu stellen: Haben die Mehrheit der KonventanerInnen
überhaupt den Willen, die historische Aufgabe anzugehen,
die sich ihnen im Interesse der Demokratie und Europa
heute stellt? Wenn Ja, können Sie innerhalb anderthalb Jahren
zumindest versuchen, das auszugleichen, was die EU 30
Jahre lang sträflich vernachlässigt hat, nämlich ihr Projekt
und ihre Entwicklung bei den BürgerInnen zu verankern und
zu legitimieren.
Eine Verfassung lässt sich nämlich nicht ohne die BürgerInnen
machen und schon gar nicht gegen sie. Eine
Verfassung ist auch nur dann eine Verfassung, wenn die
Menschen, die ihr unterliegen, ihr auch mehrheitlich
zugestimmt haben. Wenn die Menschen aber am Schluss
zustimmen sollen, wollen sie auch von Beginn weg
miteinbezogen werden.
Oder haben sich auch die Mitglieder des Konvents bereits
mit der Elitisierung der EU und der Banalisierung jeglicher
existierender Demokratie schon abgefunden? Weshalb
versuchen nicht sie und ihre Kollegen aus dem EU-Parlament
die kommende EU-Politik zum Gegenstand der
nationalen Wahlkämpfe zu machen?
Sind die KonventanerInnen und die nationalen ParlamentarierInnen
und die MinisterInnen bereit, die Macht besser
und feiner zu verteilen (Stichwort Direkte Demokratie) damit
man sie auf europäischer Ebene neu verankern und somit
insgesamt wieder mehren kann, so dass nach dem Teilen
alle sogar mehr davon bekommen und die wirtschaftliche
Macht besser zivilisiert werden kann. Oder reden viele von
Demokratie und meinen gar nicht die Demokratie, sondern
sind mit deren Reduktion auf periodische Wahlen zwischen
Parteien mit ähnlichen Unterschieden wie zischen Coca
Cola und Pepsi Cola einverstanden?
Was können schliesslich wir tun? Wie sollen wir vorgehen,
damit mehr Menschen merken, dass Europa seinetwillen mehr
Demokratie braucht, die Demokratie aber auch ihretwillen
Europa und deren transnationale Verankerung benötigt?
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Andreas Gross
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