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August 2005
medialex
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Zu light und zu wenig köschtig
Von Andreas Gross
Normalerweise bringen Chappattes Zeichnungen eine Aussage auf einen mitunter bissigen oder humorigen Punkt. Diesmal scheint mir die Pointe weniger deutlich zu sein. Es können sogar mehrere Pointen herausgelesen werden - liegt etwa da Chappattes auf den ersten Blick verborgene Pointe? Im Sinne des herrschenden Pluralismus etwa? Wäre dies für seine karikaturistische Gewichtsklasse nicht etwas zu banal, beziehungsweise zu fad?

Vier unterschiedliche Menschen lesen die verschiedene Seiten der gleichen Zeitung: Der Patron die Börsenkurse, die Vorzimmerdame die Wetterprognose, der Lehrbub die Sportseite, die Studentin die Leserinnenbriefe. Jeder und jede liest nur das, war er und sie sieht. Jede und jeder sieht nur das, was sie und er liest. Keiner schaut dem anderen über die Schultern, keine scheint von den anderen Kenntnis zu nehmen, keiner scheint sich bewusst zu sein, dass es in dieser Zeitung auch noch andere Seiten gibt.
Es ist unklar, was passiert, wenn jeder seine zwei Seiten gelesen hat. In einer gemeinsinnigeren Atmosphäre könnte man sich vorstellen, dass jeder zwar an seinem Ort stehen bleibt, doch alle vier vereinbart haben, dass die Zeitung nach einem gewissen Zeit links- oder rechtsum um 90 Grad rotiert und so der nächste diejenigen zwei Seiten zur Kenntnis nehmen kann, welche die unsichtbare Nachbarin gerade eben verdaut hat.
Doch wie gesagt, einen so geselligen Eindruck machen einen die vier nicht. Eher befürchtet man, dass jeder zurücktritt nach Lektüre seines Zeitungssegmentes, sich ab- und seinem weiteren Alltag zuwendet und ein anderer aus seiner Lesergruppe, beziehungsweise Kaufkraftklasse an seine, isolierte, Stelle tritt, um seinerseits zur Kenntnis zu nehmen, was seine Zeitung seinesgleichen an Wirklichkeit zuzumuten bereit ist.
Oder lesen die vier gar vier verschiedene Zeitungen, genauer gesagt die Titelseite der eigenen und die Kehrseite derjenigen des Nachbars, beziehungsweise der Nachbarin?
Das würde dem isolierten Eindruck entsprechen, den die vier machen. Jeder nimmt nur das zur Kenntnis, was extra für ihn abgefüllt wurde auf der Rückseite der Werbeseiten, dem primären Geschäftsinteresse der Verleger. So nach dem Motto: Was schert mich die Welt der anderen, wenn ich wenigstens in meiner eigenen mich zu Hause fühlen kann. Und es doch dieser Wohlfühldiskurs, der heute in den überforderten, weil aus Spargründen klein gehaltenen Redaktionen gefragt ist, weil der den Verkauf der einträglichen Rückseiten am meisten steigert.
Doch diese Auslegung des Bildes scheint deshalb nicht ganz stimmig zu sein, weil zumindest zwei der vier - darf man sagen, bezeichnenderweise, die beiden Damen - mit beiden Händen die Zeitung halten, also zwei Seiten der eigenen, weil man ja in unserem das Eigentum so respektierenden Breitengraden nicht eine Zeitung eines anderen mithalten kann - selbst wenn man die Zeitung eines anderen - eben über die Schulter, oder aus dem Augenwinkel, wenn der andere neben einem im Tram sitzt - durchaus (mit)lesen kann.
Oder liegt Chappattes Pointe darin, dass er uns vorführt, wie heutzutage eine süffige Zeichnung eben jedem und jeder die Pointe zuführt, die er oder sie haben will, so wie jeder und jede in den heutigen Blättern das finden soll, was er oder sie finden will - möglichst ohne grosse Anstrengung, Widerspruch, intellektueller Herausforderung oder Konfrontation mit einer Antithese, die einen ja zumindest geistig wenn nicht - Horror - politisch weiter bringen, an einen anderen Ort tragen, einem nahe liegen könnte, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, welcher den Horizont erweitert, einem mehr, weiter und tiefer blicken lässt?
Das würde durchaus wiederum seiner künstlerischen Gewichtsklasse entsprechen. Es wäre die nötige Kritik am Fastfoodcharakter vieler heutiger Allerweltsblätter, die allen - möglichst vielen in einer bestimmten Region, denn das garantiert wiederum fürs Anzeigengeschäft die beste Startposition - etwas Leichtverdauliches verkaufen und niemanden eine echte intellektuelle Zumutung, köschtige Kost, wie man dies in einer Berner Landbeiz sagen würde, zutraut - oder liegt es einfacher wiederum daran, dass diejenigen Redaktoren, die dies noch konnten und könnten, bereits entlassen oder gar nicht mehr angestellt werden, weil sie ja nur stören, den Mainstream und das Geschäft?
Fastfood heisst auch, man druckt, was die meisten bereits gehört oder gesehen haben am Abend zu vor. Köschtiges würde heissen, dieses zu vertiefen, von verschiedenen Seiten zu beleuchten, unterschiedliche Interpretationen, Schlussfolgerungen und Einbettungen zu entwickeln, so dass alle herausgefordert und selber zum eigenen Denken veranlasst werden, statt dass jeder und jede nur das sucht und findet, was ihn bestätigt und ohne mit dem konfrontiert zu werden, was dem anderen richtig oder falsch zu scheint.
Doch mittlerweile haben viele erkannt wie ungesund Fastfood ist. Und so wird auch bald wieder vermehrt Köschtiges nachgefragt werden. Und diejenigen, die es schon anbieten , werden für einmal richtigerweise diejenigen sein, die ein besseres Geschäft machen. Oder wäre diese Hoffnung Chappatte wiederum zu fad?
Andreas Gross
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