23. Juni 2003

Blick

George Orwell -
die Marke der Freiheit und Zivilcourage


Zum heutigen 100.Geburtstags des britischen Linken und Verfassers von "1984" und "Die Farm der Tiere".

Von Andreas Gross

Die Ovomaltine und der britische Schriftsteller George Orwell haben eines gemeinsam: Sie sind zu Markenartikeln des 20. Jahrhunderts geworden, die auch im 21. Jahrhundert noch lange aktuell bleiben werden. Steht die Ovomaltine für ein gesundes, leistungsförderndes Getränk, steht Orwell für die Freiheit, für Zivilcourage und den Kampf gegen Strukturen, welche die Eigenmächtigkeit der Menschen tötet und sie für unmenschliche Zwecke dienstbar macht.

Begründet hat George Orwell diesen Weltruf mit zwei von ihrem Umfang her relativ dünnen Büchern, die er in seinen letzten Lebensjahren schrieb, in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre. In der "Farm der Tiere" (Animal Farm) beschrieb er eine rücksichtlose Ellbogengesellschaft menschlicher Egoisten mit Hilfe eines Märchens aus dem Tierreich. Unter seinen Schweinen waren alle gleich. Nur waren einige Schweine gleicher als die anderen: Ein Satz der seither auch vielen geläufig ist, die nie gehört haben, dass er von Orwell stammt.

Vollends weltberühmt - ohne dass der sein Leben lang ob seiner kargen Existenzgrundlage darbende und kränkelnde Orwell diesen Erfolg noch hätte geniessen können - wurde der linke Antikommunist mit seiner "Anti-Uopie" "1984". Was er 1947 und 1948 dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs im eskalierenden Kalten Krieg an zunehmender Unterdrückung der Andersdenkenden, obrigkeitlicher Kontrolle der Menschen und einförmiger öffentlicher Meinung spürte und beobachtete, verlängerte und überhöhte er in die Zukunft von "1984". Nicht in dem Sinne, dass er hoffte oder gar wollte, dass es so kommen möge. Nein, ganz im Gegenteil: Indem er eine mögliche künftige Schreckensherrschaft ausmalte und so auch anderen erschloss («Big brother is watching you»), wollte er die ihm zu trägen Mitbürgerinnen und Mitbürger aufwecken und sie ermutigen, sich zu wehren und alles zu tun, dass es nicht so weit kommt.

Seine Message ist zwar von vielen verstanden worden. Und doch wurde wohl mehr von "1984" wahr, als Orwell heute lieb wäre. Ich denke vor allem an die Verluderung der Sprache, von Orwell "Newspeak" genannt hat. In "1984" hiess das Kriegsministerium "Friedensdepartement", so wie heute Angriffskriege "Verteidigungsanstrengungen" genannt werden, oder das Gefängnis "Sicherheitshaft" oder ein neuer EU-Staatenvertrag "Verfassung", obwohl niemand die Völker darüber befinden lassen will, wie dies bei einer Verfassung selbstverständlich sein müsste.

Wenn Orwell heute in der Londoner Underground oder im New Yorker Vorortszug sitzen und beobachten könnte, wie viele Leute die gleiche Zeitung lesen, er würde wohl glauben, sie hätten keine Alternative - und staunen, wenn er merkte, wie Recht er hat in der Mehrheit der schweizerischen Kantone.

Ob der seichten Gleichheit der TV-Privat-Kanäle zwischen 12 und 21 Uhr würde er sich in seinen Horrorvisionen bestätigt fühlen - ebenso wenn er wüsste, dass in der britischen Regierungszentrale mehr als 40 Experten nur damit beschäftigt sind, die täglichen News so lange zu drechseln und zu büschelen, ja zu "machen", bis sie sich selbst dann kuschelig und verdaulich anhören, obwohl die ihnen zugrunde liegenden Vorgänge traurig, für viele schlimm und entsetzlich sind.

Orwell würde sich wundern, wie viele versteckte Kameras heute die öffentlichen Räume kontrollieren, welche Unmengen von Daten die Menschen erlauben, dass man von ihnen erfasst. Oder vielleicht fühlte sich Orwell auch bloss bestätigt. Denn er ahnte, wie rasch sich zu viele Menschen zu viel Freiheit für zu wenig Sicherheit wegnehmen lassen und wie schnell sie dabei alle Ansprüche an Gerechtigkeit oder Chancengleichheit vergessen.

Wirklich wundern würde sich Orwell wohl, wenn er merkte, wo er sich getäuscht hat. Denn die Staaten sind heute viel schwächer, als er 1948 dachte. Nicht deren Macht ist heute das Problem sondern deren Machtlosigkeit angesichts des Totalitarismus der Märkte, die blind sind für Gerechtigkeit und die Not der Natur und dennoch meinen, die ausgleichende Politik nicht nötig zu haben. Dagegen braucht es heute den Widerspruch und Engagement, damit die Welt den Menschen etwas mehr von jener Heimat bieten kann, nach der sie sich auf ihrer Passage in der Welt so sehr sehnen.

Andreas Gross



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