|
1996
|
Konzeptionelle Defizite hüben und drüben: Befindet sich der Militarismus in einem Erosionsprozess, erlebt er einen konjunkturellen Aufschwung oder formiert er sich neu? Andi Gross
erläutert seine friedenspolitischen Perspektiven, seine Einschätzung des Nato-Angebots «Partnerschaft für den Frieden» und seine Teilnahme an
der «Studienkommission für strategische Fragen». Die Fragen für die GSoA-Zitig stellten Renate Schoch und Hans Hartmann. GSoA-Zitig: Im Frühling hast du die These aufgestellt, dass der Militarismus in der Schweiz erodiere. Inzwischen hat der Bundesrat drei
Verordnungen in die Vernehmlassung geschickt, mit denen die Armee neue Kompetenzen bei verschiedenen Formen innerer Einsätze
erhalten soll. Wie schätzt du diese Entwicklung ein? Andi Gross: Mit der These einer Erosion des Militärischen habe ich mich auf die Wirkung unserer Volksinitiative von 1989 bezogen. Zusammen mit den
welthistorischen Vorgängen hat sie eine grosse Verunsicherung des Militärischen auch in der Schweiz ausgelöst. Das kann man als Erosionsprozess bezeichnen.
Damit habe ich nicht sagen wollen, dass der Militarismus in der Schweiz von einem Jahr auf das andere wegerodiert, sondern dass wir diese Entwicklung mit einer
neuen Initiative nicht verstärken können. Wollen denn die «Modernisierer» eine Eindämmung des Militärischen oder geht es ihnen um die Erneuerung des militärischen
Sicherheitsdenkens? Das wissen sie selber nicht. Darüber ist eine grosse Auseinandersetzung im Gang. Nur selten geben die daran beteiligten Leute ihre totale Verunsicherung auch zu.
Das Argument der Erosion habe ich vor allem im Zusammenhang der Evaluation einer neuen Initiative gebraucht. Wenn wir wieder mit der klaren Forderung der
Abschaffung kommen, dann schliesst sich der verunsicherte Haufen zu einem Block gegen uns zusammen. Die Frage ist also legitim, ob wir mit einer Initiative ein
Auseinanderfallen dieses Blockes verhindern. Kann man darauf bauen, dass der militärische Block von alleine auseinanderfällt? Verunsicherung heisst ja auch: Man stellt sich Fragen
neu, es werden Konzepte entwickelt, und irgendwann findet man vielleicht befriedigende Antworten. So gesehen gibt es gerade jetzt aus
friedenspolitischer Sicht einen grossen Interventionsbedarf. Hier kann man verschiedener Meinung sein. Ich denke, wir sollten Dinge tun, die die Militaristen daran hindern, immer wieder ihre alte, knallharte Position zu
festigen. Sicher ist die Festigkeit des militärischen Blocks gigantisch. In diesem Militärgesetz steckt faktisch noch nicht viel Erosion. Es ist immer noch ein Überrest
aus der Vergangenheit. Man kann es auch als Element einer militaristischen Neuorientierung sehen. Seit fünf Jahren ist man der Auffassung, die Armee habe
neue, «existenzsichernde» Aufgaben zu übernehmen, ein einigender Faktor in der militärpolitischen Diskussion. Das Armeegesetz ist der Versuch, die Kontinuität zu betonen, nicht die Brüche. Es ist die Frucht des Armeeleitbildes Armee 95 und des Sicherheitspolitischen
Berichts von 1990, der 1988/89 geschrieben wurde. Meine Beurteilung nährt sich aus Gesprächen, die noch keine Verordnungen sind. Ein Gesetz kodifiziert ja
immer eine vergangene Wirklichkeit. Einige Vertreter der militärischen Klasse geben heute ohne weiteres zu, dass es kaum mehr eine Bedrohung gibt, auf die die
Armee eine adäquate Antwort wäre. Das schlägt sich aber noch nicht in konkreten Handlungen nieder. Die Ifor-Truppen in Bosnien haben gegenüber dem offensichtlichen Misserfolg der Uno-Blauhelme ein sehr gutes Image. Die Uno ist
diskreditiert und zivile multilaterale Organisationen wie die OSZE werden heftig kritisiert. Profitiert davon der Militarismus in der
Schweiz? Das militärische Denken hat nicht generell an Akzeptanz gewonnen, aber es erfährt einen kleinen konjunkturellen Aufschwung. Viele Leute - auch solche die 1989
für die Armeeabschaffung gestimmt haben - sind verunsichert. Sie meinen, aus dem Krieg auf dem Balkan gelernt zu haben, dass es ohne Militär eben doch nicht
geht. Innerlich sind sie davon aber nicht überzeugt, sondern sie stehen unter dem Schock der Fernsehbilder. Warum hat die Diskussion um das Nato-Angebot Partnership for Peace in der Schweiz soviel Staub aufwirbelt? Wer glaubt, es gäbe keine Alternative zum Militärischen in der Sicherheitspolitik, lehnt sich an die Nato an. Für diese Leute geht es um die Einsicht, dass die
Schweizer Armee alleine nicht mehr viel machen kann. Daher erhielt die Nato-Partnerschaft in der Schweiz eine symbolische Dimension. Sollen die osteuropäischen Ländern über das Partnerschaftsangebot mit Nato-kompatiblem Material aufgerüstet werden? Wenn die Polen, die Tschechen und die Ungarn in die Nato gehen, und sie werden gehen, dann werden sie in den nächsten fünfzehn Jahren 120 Milliarden Dollar
für neue Flugzeuge und Panzer u.ä. ausgeben müssen. Die amerikanische und andere Rüstungsindustrienbenötigen diese Nachfrage dringend. Dieses Geld fehlt für
die ökologische, ökonomische und soziale Entwicklung von Ost- und Mitteleuropa. Der Mangel an Entwicklung ist dann wiederum die Ursache für nationalistische
Tendenzen, die ihrerseits die Ursache für die weitere Militarisierung ist. Du bist Mitglied der von EMD-Chef Ogi einberufenen «Studienkommission für strategische Fragen». Wie siehst du deine Rolle darin? Als mich der Komissionspräsident Edouard Brunner für eine Teilnahme anfragte, habe ich zuerst gedacht, ich würde ablehnen. Aber von Brunner, der unter Aubert
Staatssekretär war, kann man natürlich viel lernen, und ich arbeite gern mit Leuten zusammen, von denen man etwas lernen kann. Zudem hätten wir es kritisiert,
wenn niemand von pazifistischer und linker Seite dabeigewesen wäre. Konsequenterweise durfte ich also zusagen. Mit deiner Teilnahme an der Studienkommission fliesst deine politische Kreativität in ein Diskussionsgefäss, das mit Basisbewegungen
nichts zu tun hat mit. Was haben durchschnittliche GSoAtInnen davon? Ich glaube, die GSoA hat in meinem Fall immer davon profitieren können, obwohl das einige ungern zugeben. Diese Frage betrifft linkes Mitwirken in allen
ofiziellen, somit nicht-linken Gremien. Die GSoA wird anders behandelt, weil ich häufig das Eis breche.
Es stimmt, das EMD kann diese Grundlagen-Arbeit frei interpretieren. Aber das kann doch nicht heissen, dass ich mich nicht für diese Grundlagendiskussion interessiere.
Der Auftrag der Kommission ist sehr widersprüchlich. Bundesrat Ogi hat mündlich jedenfalls andere Aspekte in den Vordergrund gestellt. Ich glaube, dass die Diskussion über das Militär im engeren Sinn einen viel geringeren Stellenwert hat als vor zehn Jahren. Man kann friedenspolitisch einen höheren Fortschritt erreichen, wenn man in den nächsten vier, fünf Jahren die Diskussion um Europa, um die Arbeitslosigkeit und Sozialpolitik gut führt. Aber gerade wenn die Bereitschaft der Leute, über die Armee zu diskutieren, gesunken ist, ist es umso notwendiger, an kleinen Orten das Thema weiterzuführen. Diese Kommission ist ein solcher Ort, aber sicher nicht der wichtigste davon.
Andreas Gross
Nach oben |
|
|
Zurück zur Artikelübersicht |