07. Juni 2004

jura.pluruel

Vom Jura, der die Poesie
wieder zu beleben verstand


Ein realotopisches Plädoyer von Andreas Gross

Vor 25 Jahren gelang nicht nur die Begründung des Kantons Jura. Vor 25 Jahren formierte sich auch Frankreichs Linke neu. Ende der 1970er Jahre begann sich der neue Kanton zu entfalten; 1981 errang Frankreichs Linke unter Mitterand die Mehrheit der Stimmen und die politische Macht. Wenige Jahre später kam sowohl in Frankreich als auch im Jura der gleiche Begriff auf: "Les decus du socialisme" dort, "les decus du nouveau Canton" hier.

1986 war ich beidseits der Grenze beiden Enttäuschungen und deren Begründungen auf der Spur.1 Der Dichter Alexandre Voisard, immerhin der erste Kulturbeauftragte des Kantons, sagte mir «le genre de la lutte pour la lib&eycute;ration du Jura est moins politique que poetique dans le sense qu'on participe à la beauté du monde». Es sei klar, dass solche poetische Zeiten einmal vorbeigehen. «Ce n'est pas possible, que les acteurs ont autant de qualité si longtemps», meinte Voisard im Gespräch.

Roger Schaffter, einer der grossen Väter des neuen Kantons, ist kein Enttäuschter, er sah es so kommen. «Prendre le pouvoir se prête à tout les rêves, excercer le pouvoir c'est d'autre chose. - Lors que nous avons luttés pour le nouveau canton nous avons eu l'état idéal en tête; mais la politique appliquée c'est pas du lyrisme.» Trotzdem sagte mir Schaffter, 1986, im Ständeratssaal sitzend: «Nous devrons être un état qui est ouvert à l'utopie!»

Wohl an denn! Doch zuerst müssen wir der Antwort auf die Frage auf die Spur kommen, weshalb denn der neue Kanton Jura so schnell ein "Kanton wie jeder andere" geworden ist. Zumindest scheint es so, wenn man hört, dass man im Jura vergleichsweise am meisten Steuern bezahlt, pro Kopf aber am wenigsten verdient. Gibt es wirklich keine bessere Alternative als sich den Kanton Jura als "Heimat der Rentner" vorzustellen wie Yves Petignat, oder, noch schlimmer als Kanton der von hohen Mauer geschützten, hors-sol-Siedlungen reicher, alter Leute wie sich dies offenbar aus Florida zurückkommend der welsche Direktor von "Avenir Suisse" vorstellt?2

Ich glaube nicht, dass der Jura schon so verkommen ist. In ihm stecken mehr Möglichkeiten, er kann aus seiner einzigartigen Geschichte mehr Zukunft schöpfen. Doch dafür muss der Jura erst verschüttete Potenziale frei legen, sich mit neuen republikanischen Ideen revitalisieren und die eigenen Horizonte über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus erweitern. Für diese jurassische Zukunftswerkstätte möchte ich hier einige Denkanstösse liefern.

Eines müssen wir uns bewusst werden. Der Jura musste für seine erfolgreiche Kantonsgründung einen Preise bezahlen: "l'unité"! "L'unité pour l'autonomie", so lautete der Slogan des Rassemblement Jurassien (RJ). Ohne die Einheit aller, von ganz links, der PdA, bis weit nach rechts, der autonomistischen FDP, sehr hierarchisch und fast militärisch straff organisiert im RJ, hätten sie den mächtigen Kanton Bern nie "besiegen" können, sagte mir Roland Béguelin, jahrzehntelang führender Kopf des RJ und der andere grosse Vater des Kantons. Doch, so gestand Béguelin im Gespräch mit mir Ende der 1980er Jahre ein, diese Einheitsbewegung forderte tatsächlich ihren Preis. Er sei sich dessen durchaus bewusst.

Der Preis bestand darin, dass die grosse Vielfalt des jurassischen Volkes auf eine Stimme reduziert wurde. Die Kreativität, die Diskussion über die unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen, über das, was sie dann einmal mit dem neuen Kanton alles anders machen würden: sie wurden massiv kanalisiert, wenn nicht gar unterdrückt, um keine Einwände zu provozieren und Unstimmigkeiten in die eigenen Reihen zu bringen, die von den "anderen", den Bernern und ihren Freunden im Jura, gegen den neuen Kanton ausgenützt würden. Und weil dies jahrelang, ja jahrzehntelang geschah, reichte es nach der Kantonsgründung zwar noch zu einer progressiven, durchaus originellen Verfassung, zum Aufbau einer anderen Lebenswelt fehlten dann allerdings die in allen Teilen der Bevölkerung verankerte, eigenständig handlungsfähige Vorstellungskraft, Kreativität und das Reformvermögen.

Alexandre Voisard sah dies schon vor 18 Jahren ähnlich: «Wir haben einen Fehler gemacht, als wir in den sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre um der Einheit der Bewegung Willen auf die Diskussion unserer verschiedenen Zukunftsvorstellungen verzichteten. Als wir den neuen Kanton hatten, waren wir dazu zu müde. Leere und Gleichgültigkeit kamen auf.» Tristan Solier, der bildende Künstler von Porrentruy, sagte es mir noch schärfer, sie hätten ganz einfach zu wenig über die Zeit nach der Befreiung nachgedacht: «Als wir's geschafft hatten, demobilisierte uns dies. Der neue Kanton war ein altes Ziel, statt ein neuer Anfang ... Die schlimmste Strafe für eine Revolution ist eben ihr Erfolg!»3

Doch dies muss nicht so bleiben. Es ist nicht zu spät, das nachzuholen, was man möglicherweise damals unterlassen musste. Zumal in der Geschichte des abgespaltenen Südjura, dem Tal von St.Imier und Sonvillier, der kulturelle Reichtum existierte, an den konzeptionell und faktisch angeknüpft werden kann.

Ich denke an die libertäre, auf dem eigenständigen Denk- und gemeinsamen Handlungsvermögen aufgebaute politische Kultur der Uhrenmacher im St.Immer-Tal. Gewiss beruhten sie vor mehr als 100 Jahren auf einer noch vorindustriellen Uhrenproduktionskultur, in dem so manch einer fähig war, selber eine ganze Uhr zu bauen, und nicht nur, wie später in der arbeitsteiligen Fabrik, einzelne Bausteine oder Segmente.4 Der russische Revolutionär Peter Kropotkin hatte sie anlässlich seiner Besuche und Vorträge während der 1870er Jahren im St.Immer-Tal kennen und schätzen gelernt und folgendermassen beschrieben:
«L'organisation même de l'industrie horlogère, qui permet aux hommes de se connaître parfaitement l'un l'autre, et de travailler dans leurs propres maisons, ou ils ont la liberté de parler, explique pourquoi le niveau intellectuel de cette population est plus élevé que celui des ouvriers qui passent toute leur vie, et cela dès l'enfance, dans les fabriques.
Il y a plus d'indépendance et plus d originalité chez les ouvriers des petite industries ... Chaque membre de la Fédération s'efforçait de se former sur toutes les questions une opinion personnelle et indépendante. Je vis la que les ouvriers n'étaient pas une masse menée par une minorité dont ils servaient les buts politiques ... La netteté de vue, la rectitude de jugement, la faculté de résoudre des questions sociales complexes, que je constatais chez ces ouvriers, principalement chez ceux qui étaient entre deux ages, firent sur moi une impression profonde.»5

An dieser kollektiven Erfahrung lässt sich heute anknüpfen. Sie zeigt, dass die Individualisierung der Moderne nicht zum Egoismus führen muss. Die Direkte Demokratie trug und trägt das ihre zum hohen politischen Kenntnisstand der Bürgerinnen und Bürger, zu ihrem eigenständigen Urteilsvermögen und zu ihrer gemeinsamen Handlungsfähigkeit bei.6 Interessanterweise gehört die Direkte Demokratie in der jurassischen Verfassung zu den im kantonalen Vergleich am wenigsten ausdifferenzierte. Das dort vorherrschende Demokratieverständnis ist viel delegatorischer - paradoxerweise Ausdruck der Art, wie man den Kanton eroberte, und weniger der neuen Art, wie man ihn anders regieren könnte.

Heute wäre dem Kanton mehr und freiheitlicheres möglich - auch ohne grosses Steueraufkommen. Einerseits müsste er eigenständiges Handeln und Denken fördern und die individuelle wie regionale Vielfalt und Eigenständigkeit unterstützen. Zweitens im Sinne eines modernen radikaldemokratischen und gemeinsinnigen Staatsverständnis nicht das eigene Handeln ersetzen wollen, sondern immer dann unterstützend helfen, wenn Bürgerinnen und Bürger gemeinsam und selber etwas schaffen wollen, was sie alleine nie bewerkstelligen können. Und drittens gilt es nicht nur die Kantonalen Grenzen zu Baselland und Baselstadt zu überwinden, sondern auch die topografischen und politischen Grenzen zur grossen Industrie- und Wirtschaftsregion Montbelliard-Belfort-Sochaux durchlässiger zu machen und sich als Teil eines transnationalen grösseren Ganzen verstehen zu lernen. Mit anderen Worten: Nicht nur die Schweiz nach Europa zu bringen, sondern das grosse Europa im kleinen rund um den Doubs vorwegnehmen. Je besser den Jurassierinnen und Jurassiern dies gelingt, umso attraktiver werden sie auch für die Nachkommen der libertären Uhrenmacher des St.Immertals, die vor 25 Jahren bei Bern bleiben wollten, sich einem aufmüpfigeren, originelleren und kreativeren Kanton Jura aber möglicherweise doch einmal gerne zugesellen würden.

Roland Béguelin meinte schon vor 18 Jahren, was jetzt, 25 Jahre nach der Schaffung des neuen Kantons einen neuen Reformschub verleihen könnte: «Die historische Leistung der Jurassier ist, bewiesen zu haben, dass Politik und Staat nicht als 'Schicksal' empfunden werden müssen. Wir haben bewiesen, dass die Staatsmacht abgebaut, umgebaut und neu aufgebaut werden kann.» Heute liegt die Zukunft möglicherweise nicht mehr im Neuaufbau und sicher nicht im Abbau, sondern im Umbau. Offen für die Utopie, die Möglichkeiten jedes und jeder einzelnen ansprechend und sich entfalten lassend, damit der Kanton etwas mehr von dem wird, was die Pioniere sich seit 1947 von ihm erträumt hatten. Mehr Poesie und weniger Tristesse.

Andreas Gross



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Anmerkung 1

Anmerkung 2

Anmerkung 3




Anmerkung 4

Anmerkung 5
Anmerkung 6

Siehe Reportage "Jurassier zwischen Poesie und Politik" von Andreas Gross im Zürcher Tages-Anzeiger, Seite 2, vom 16.Oktober 1986
"L'utopie jurassienne a la gueule de bois" von Paul Ackermann
in l'Hebdo vom 29.April 2004
Alle Zitate aus dem Tages-Anzeiger-Artikel von A.Gross vom 16.10.1986; Voisard sagte mir damals, sie hätten wenigstens gelernt "miteinander zu leben und tolerant zu sein"; beobachtet man die sterilen gegenwärtigen Zwiste zwischen Delemont und Pruntrut und die Bezirksegoismen, welche heute den Elan der jurassischen Politik lähmen, dann denkt man manchmal, man könne nicht einmal mehr dieser These von Voisard zustimmen.
So vorzüglich und umfassend beschrieben im Buch von Mario Vuilleumier, Horlogers de l'anarchisme, Payot Lausanne, 1988
Peter Kropotkine, Autour d'une vie, 1890, cit. in Vuilleumier, p.292
Vergleiche dazu meine Aufsätze und Vorträge zur Direkten Demokratie auf dieser Homepage

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