22.02.2004

NZZ am Sonntag

Formel-1 in Interlaken wäre wie Alinghi auf dem Brienzersee
Alles hat seinen Ort aber kein Ort hat alles

Von Andreas Gross
Andreas Gross ist Politikwissenschafter und SP-Nationalrat aus Zürich. Zwischen 1972 und 1975 verdiente er sich sein Geschichtsstudium, indem er mit einem alten VW-Käfer in ganz Europa den Autorennen der Schweizer- und Formel-2-Europameisterschaft nachfuhr und für sieben Zeitungen, unter anderen auch für die "NZZ", davon berichtete.


Die Politik im Bundeshaus ist im Allgemeinen ein rücksichtsloses Geschäft. Sie gleicht eher dem Wasserball als dem Fussball; die Tritte ans Schienbein des Anderen und die meisten weiteren Fouls erfolgen unter dem Wasser und bleiben verborgen, schmerzen aber meist umso mehr.

In dieser Atmosphäre hat der Entscheid der nationalrätlichen Verkehrskommission, die Parlamentarische Initiative des Kollegen Giezendanner zu unterstützen und dem Ratsplenum die Aufhebung des Rundstreckenverbotes für Motorfahrzeuge von 1955 zu empfehlen etwas Anrührendes. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Einerseits ist die Aufhebung dieses Verbotes etwa so relevant wie das kürzlich mit viel weniger boulevardesker Begleitmusik aus dem Gesetz gestrichene Verbot, Absinth produzieren oder konsumieren zu dürfen. Jeder und jede darf sich jetzt von der grünen Fee verführen lassen. Doch nur weil dies fortan nicht mehr verboten ist, werden jetzt genau so wenig Menschen zu viel Absinth trinken wie zuvor.

Vielmehr wollte sich die Mehrheit der Mitglieder der Verkehrskommission einmal von ihrer menschlichen Seite zeigen und einem ihrer lautesten und deshalb gebeuteltsten Mitglieder ein wenig Trost spenden. Denn der nicht nur als Transpörtler sondern auch als Politiker trickreich operierende Ulrich Giezendanner war am vergangenen Wochenende über seine eigenen Beine gestolpert. Die Mehrheit der Stimmberechtigten hatte sein demokratiepolitisches Bubentrickli durchschaut und die zweite Autobahnröhre durch den Gotthard trotz mancherlei Tarnungen im sorgfältig geschichteten Avanti-Fuder erkannt, und diese für mindestens eine Generation in die ewigen Jagdgründe befördert.

Doch Politik darf sich nicht beschränken auf den Trost für einen, dem es erging wie manch einem Autorennfahrer. Schon oft unterschätzten diese die Fliehkraft ebenso wie ihre Bodenhaftung, wollten noch schnell einen zu viel ausbremsen, erwischten die Kurve dann aber nicht mehr, drehten sich statt dessen einige Male um ihre eigene Achse, kamen dabei von der Fahrbahn ab und landeten, wenn es gut ging, im Kiesbett.

Dort gaben sie dann wieder mit der Kraft des Verzweifelten Gas, gruben sich damit nur noch mehr in den Sand ein, sassen um so fester je länger sie brauchten es zu merken, gaben auf, stiegen aus und liefen mit gesenktem Haupt zu den Boxen zurück, was meist ausreichte, um abzukühlen und sich selbstkritisch des Fehlers gewahr zu werden.

Giezendanner steht dieser Fussmarsch zurück noch bevor. Dabei wird er sich bewusst werden, dass es ihm mit einem Formel-1-Rundkurs in der Schweiz nicht anders ergehen wird als mit der zweiten Gotthardtunnelröhre: Er wird den Bau des einen so wenig erleben wie den Durchstich der anderen.

Aus ganz verschiedenen Gründen, von denen einer schon ausreichen würde, um die meisten von der Unvernunft eines solchen Projektes zu überzeugen. Eine Autorennstrecke, auf der heute Formel-1-Weltmeisterschaftsläufe einmal pro Jahr ausgetragen werden, ist weit mehr als eine Art Go-Kartbahn-Wohlen-plus. Mit der heute von den Veranstaltern und den Rennwagenherstellern gewünschten Länge und Breite der Fahrbahn, den riesigen beidseits notwendigen Auslauf- und Sicherheitszonen, den Tribünen und Parkplätzen für über 100'000 Zuschauer - denn alles muss ja auch rentieren -, dem Raum für Dutzende von immensen Sattelschleppern, Lagerhallen und Mehrzweckbauten sowie anderen Serviceeinrichtungen ist heute bei einer modernen und relativ sicheren und erst noch ansprechenden Rundstrecke mit einem Raumbedarf zu rechnen, der in etwa dem Gelände des Flughafens Zürich-Kloten entspricht.

Wo soll es heute in der Schweiz dazu noch Platz haben? Sicher nicht in Interlaken zwischen dem Thuner- und Brienzersee. Der Bau einer solchen Rundstrecke ist mehr als eine Fotomontage im Boulevardblatt. Die alten Militärflugplätze von Frutigen bis ins Goms sind nicht nur viel zu klein dafür: Die Bewohner sind mit ihren Häusern oft schon so nahe an sie herangerückt, dass sie nicht einmal mehr für die alten Hunter oder Venoms zu gebrauchen sind. Ganz abgesehen davon, dass auch die breiteren unserer Alpentäler viel zu eng sind, um dem Platzbedarf einer F1-Strecke zu genügen. Oder will sich Giezendanner am Alpenschutz ganz einfach noch eine zweite Beule holen?

Es gehört zur Arroganz des Städters und Agglomeristen zu meinen, "irgendwo in einem Randgebiet der Schweiz" gäbe es heute noch so grosse, seelenlose Gebiete, die eine derartige Anlage aushalten könnten. Vom Lärm und all den anderen Belastungen, die eine solche zumindest an den Wochenenden eines halben Jahres betriebene, 300 bis 500 Millionen Franken kostende Rundstrecke mit sich bringen würde, einmal ganz abgesehen.

Sauber-F1-Wagen lassen sich in der Schweiz dank viel Talent, Elan und Begeisterung sowie einigen Millionen Franken an Zuschüssen ebenso bauen wie Hochseerennregatten. Doch so wie Alinghi nicht auf dem Brienzersee rennmässig eingesetzt werden kann, ist die Schweiz für den Bau von Autorennstrecken zu klein, zu dicht besiedelt und zu fein genutzt. Zur Klugheit gehört die Einsicht in objektive Grenzen. Originell und kreativ ist nicht deren Verkennung, sondern die Verwirklichung der eigenen Kreativität und Stärken und deren Verknüpfung mit denjenigen Anderer so wie es Jo Siffert mit Rob Walkers Lotus in Brands-Hatch, Sauber mit Ferrari in Japan, Marco Illien mit Mercedes in England, Alinghi mit den Neuseeländern in Valencia, Jean Tinguely mit Nikki de Saint Phalle im Bois de Boulogne bei Paris oder Beyeler mit Renzo Piano in Riehen geschafft haben oder noch schaffen werden.

Alles hat seinen Ort und kein Ort kann alles haben. Und das ist gut so.

Andreas Gross



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